Log_19_ Januar – März 2016 Ein abwechslungsreiches erstes Quartal

35Vor den Weihnachts- und Neujahresfesttagen sind die Tage natürlich gezählt, ausgefüllt mit Christbaumkauf, organisieren letzter Geschenke und – ruhigen Momenten, um die Adventszeit zu geniessen. Es ist untypisch warm in der Schweiz und der Anpassungsschock, zumindest temperaturmässig, gering. Die Festtage selber sind lichterfüllt und widerspiegeln sich in den fröhlichen Kinderaugen. Wir erreichen das neue Jahr so, wie wir das alte verlassen hatten – so ist es doch immer?

Es steht mir nun genau einen Monat zur Verfügung, der Januar, um all das zu erledigen, was ich mir vorgenommen hatte. Eine wie immer lange Liste von „To Do’s“ und „Einzukaufen in der Schweiz / Frankreich“ löst Adrenalinschübe aus. Ich verbringe aber  39auch ein paar – leider viel zu wenige – schöne und entspannende Momente mit Freunden. Gute Vorsätze fürs neue Jahr? Keine! – ausser mir im Sommer, nach den Olympischen Spielen, mehr Zeit in „den Heimaten“ zuzugestehen, um Freundschaften zu erneuern und zu vertiefen.

Zudem habe ich mir für im Januar, weit im voraus, Kurse für meine nautische Weiterbildung organisiert: An einem Samstag besuche ich den Dieselmotorenkurs der Regionalsektion Basel des CCS. Resultat: Ich erhalte die Bestätigung, dass ich all das weiss und kann, was ich ohne fremde Hilfe an Bord auch selber können muss. Zugabe sind dann noch hilfreiche Tipps vom Kursleiter, einem richtigen Praktiker, und von anderen Seglern. Damit ist ein solcher Kurs immer sein Geld wert. Ich gebe dem scheidenden Kursleiter aber auch konstruktiven Feedback eines Laien-Praktikers zugeschnitten auf Segler, die eine grosse Seereise planen.

 

An einem zweiten Wochenende besuche ich das beliebte CCS Meteo-Seminar während zwei Tagen in Zürich. Von morgens 0900h bis nach 1700h bringt uns der diplomierte Meteorologe a.D. Hilger Erdmann, die hohe Kunst des „Wetterlesens“ bei. In hervorragender Art und Weise wechselt er von anspruchsvoller Denkgymnastik in entspannende Anekdoten. Ich habe viel gelernt und mir wurden einzelne Wetterentwicklungen während den vergangenen Seereisen klar. Inzwischen richte ich Salvador Gewitterwandmeinen Blick regelmässig in den Himmel, nur um festzustellen, dass mir für eine professionelle Beurteilung das Geopotentialfeld der Druckfläche 500 hPa fehlt, dadurch die Jet Stream Strömungsrichtung und natürlich die Druck- und Dampfdichte der einzelnen Luftschichten! Mit anderen Worten, ich bin nach wie vor überwältigt von der Komplexität einer zuverlässigen Wettervoraussage, aber auf einem viel, viel, viel höheren Niveau – sagen wir der Stratosphäre. Einige mir selber immer wieder gestellte Fragen an Bord, kann ich mir dank den professionellen Ausführungen von Hilger Erdmann nun selber beantworten – oder zumindest sicherere Schlüsse ziehen. – Eines habe ich aber auch begriffen: Meteorologie ist für mich auf See aber vergleichbar mit der Börse/Börsenspekulation. Liege man richtig, freue man sich darüber – liege man aber falsch spricht man nicht darüber und versucht es so schnell wie möglich zu verdrängen!

 

38 2. Februar 2016. Er ist da, der Abreisetermin; ich hätte ihn gerne für einen ganz speziellen Geburtstag um noch ein paar Tage – oder auch länger – verschoben. – Mein Bruder begleitet mich nach Montevideo. Auf dem Weg dorthin machen wir einen verlängerten Zwischenhalt in Rio de Janeiro für den Carnaval do Rio! Französische Seglerfreunde aus Jacaré, mit welchen wir schon in Joao Pessoa, Olinda und Recife gefeiert hatten, reisen an und wir freuen uns auf ein Wiedersehen – ein „Encore“. Die Tage in Rio sind fantastisch. 20Die Carnavalsstimmung ist überall präsent, die Cariacos (Einwohner Rios) werden für die weltweit begeistertsten Partyfeirer gehalten und wir können dies bestätigt. Überall, sei das in den Quartieren oder im alten Zentrum Rio’s in den Menschenmassen, wir fühlen uns wohl und die Sambarhythmen reissen uns unweigerlich mit; unsere europäische Ungelenkigkeit fällt in den Massen gar nicht auf. Höhepunkt ist der Besuch im Sambadrome. Von abends um neun Uhr bis zum Morgengrauen (!) tanzen fünf der besten 21Samaschulen an uns vorbei. Jede zeigt sich mit zwischen 3500 bis 5000 aktive Teilnehmern. Musikgruppen und farbig-glitzernde aufwändig dekorierte Wagen (bis zu fünf Stück pro Schule) sind integriert dabei. Es ist ein überwältigendes Erlebnis, und dabei weit davon entfernt von den auf fast nackte Schönheiten reduzierte Bilder in den Medien und dem befürchteten ohrenbetäubenden Lärm. Wir geniessen die fast zehn Stunden im Sambadrome und merken gar nicht, wie dabeidie Zeit verstreicht. Da wir in einer zentral gelegenen Herberge im Santa Teresa Quartier wohnen, können wir bei Tageslicht zu Fuss in den Sambadrome gelangt und, nachdem wir am darauffolgenden Morgen die langen Schlangen der Wartenden auf ein Taxis sehen, wählen wir den gleichen Weg zurück. Problemlos – allerdings zielstrebig und in zügigem Schritt (gemäss Foto im Fotoalbum „Gefechtsformation“) darauf hoffend, dass die „bösen Buben der Nacht“ alle noch schlafen.

2Natürlich bleibt uns auch etwas Zeit für Sightseeing. Wir besuchen zu Fuss die Plattform unter der Christo Statue, geniessen die traumhafte Aussicht auf Rio und die Guanabara Bucht und den Zuckerhut. Unter uns liegt die Favela Santa Marta. (s. 2015 12_Log „Karfreitag…“). Vergebens suchen wir nach dem Einstieg, der uns zu Fuss zu dieser mir bekannten Favela führen würde. Alle Guides vor Ort machen weis, dass sie das nicht wüssten. Es bleibt darum nichts anderes übrig, als beim nächsten Aufenthalt in Rio einen Führer der Favela zu nehmen und uns hinauf führen zu lassen.

Dann ist Aschermittwoch und Abreisetag. An diesem Nachmittag wird von der Jury entschieden, welche Sambaschule es dieses Jahr auf den ersten Platz geschafft hat; am darauffolgenden Samstag defilieren dann die erfolgreichsten fünf Schulen dieses Jahres nochmals durch den Sambadrome. Sicher eine besuchenswerte Show – ausserhalb des Carnavals. Da dann die Gewinner bekannt sind und können diese dann fröhlich und entspannt(er) vorbei defilieren und ihre Freude voll ausleben . Nächstes Jahr vielleicht?

Am 10. Februar reisen Hanspeter und ich via Sao Paulo nach Montevideo. Gegen Mitternacht landen wir in Montevideo. Natürlich habe ich wieder eine längere Diskussion mit dem Zoll, diesmal über den Wert und Zweck von Zinkanoden! Die junge Zöllnerin meint, nachdem sie mich daruf hingewiesen hat, dass jetzt „ein neuer Wind bläst“, dass ich für zollfreien Ersatz auf ein „in transit“ Boot jeweils bei Ausreise die verbrauchten Anoden vorzeigen müsse, damit ich die neuen dann zollfrei einführen dürfe!

Wir übernachten in einem der Clubzimmer im Yacht Club. Margna steht immer noch auf dem Werftgelände. Am nächsten Tag – oh Wunder – treffen wir auf Bernie, den ich über meine Ankunft informiert hatte. Wir vereinbaren, Margna am folgenden Tag den 12.2. ins Wasser zu stellen. Ob das diesmal klappt? Bernie ist als verantwortlicher Leiter der südamerikanischen Lazer Boot Segelmeisterschaft, die am 15.2. startet, ziemlich stark unter Strom. Er meint aber, dass er am folgenden Morgen da sein werde. Natürlich ist er 1 27 26nicht, aber das Hafenteam macht das – unter seinen vorher gegebenen klaren Anweisungen, da bin ich mir sicher – professionell und gut. Sie sind mir dann auch beim Fahren an den Steg behilflich, nachdem sie annehmen, dass Hanspeter kein eingefleischter Seebär ist. Alles klappt bestens und wir nehmen den Anlegertrunk bei angenehmem Sonnenschein gemütlich an Bord und lassen uns das Nachtessen im clubeigenen Restaurant schmecken.25 – Morgen habe ich Geburtstag. Ein schönes Geschenk, Margna (endlich) wieder im Wasser zu haben. Hätte es nicht geklappt, hätten wir warten müssen bis nach den Lazer Südamerika-Meisterschaften.

Sie schwimmt - mit sauberem Unterwasserschiff und Wasserpass!

Sie schwimmt – mit sauberem Unterwasserschiff und Wasserpass!

Samstag, 13.2., wir beschliessen, mit meiner bereits liebgewonnenen Tradition nicht zu brechen. 26Mit dem Bus fahren wir zum Mercado del Puerto und feiern so gleichzeitig meinen Geburtstag. Trotz Medio y Medio und einem guten Tropfen Roten marschieren wir die gut sieben Kilometer der Rambla entlang zurück bis zum Hafen. Im Cockpit, bei lauem Lüftchen und sternklarem Himmel, stossen wir nochmals mit etwas Prickelndem an. Ein toller Tag!

6

7

 

 

 

 

Sonntag ist Brunch- und Ruhetag. Wir besprechen die nächsten Tage und wieder, wie vor zwei Jahren in Joao Pessoa, haben wir das Dilemma: Machen wir Margna fertig für eine Segelreise nach Buenos Aires oder fahren wir mit dem Bus bis Colonia und von dort mit der Fähre in die argentinische Hauptstadt? Wir wählen letzteres, einerseits weil wir ein paar Tage für diese wundervolle Stadt einplanen, andererseits, weil die Vorbereitungsarbeiten (Segel anschlagen, Systeme überprüfen etc.) zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Ein weiser Entscheid, denn wie sich später herausstellt, 30schwimmen auf dem Rio de la Plata und vor allem vor und im Hafen von Buenos Aires riesige dicht zusammenhängende Teppiche von Ufergrünzeug, herrührend aus den Überschwemmungen vor ein paar Wochen. Ein Durchkommen für ein Segelboot, unter Segel oder Motor, ist ausgeschlossen.

 

Wir geniessen herrliche Tage in Buenos Aires und ich freue mich, als ausgewiesener Tourguide Hanspeter die Schönheiten dieser Stadt näher bringen zu können. Natürlich darf dabei auch ein Besuch im Grillrestaurant Mirasol, mit nachhaltiger Wirkung, nicht fehlen. Ich erhalte dabei den Eindruck, dass auch er bei sich bietender Gelegenheit diese tolle Grossstadt nochmals besuchen wird. „Vamos a ver!“

Er reist per Fähre und Bus den gleichen Weg zurück. (Meine Wetterprognosen stimmen nicht und er hat eine sehr gewitterhafte Überfahrt, was ihn – aber auch mich – beunruhigt; habe ich doch ein anspruchsvolles Meteo-Seminar besucht!) Er reist dann weiter von Montevideo per Flugzeug nach Rio und von da via Frankfurt nach Zürich. Es war wiederum eine schöne Zeit mit dir Hanspeter!

Ich gönne mir einen ruhigen Zwischentag bis Freunde aus dem Raum Biel in Buenos Aires eintreffen. Sie werden sich hier an Bord eines Kreuzfahrtschiffes begeben und es trifft sich so, dass ich ihnen vorher diese wundervolle, für südamerikanische Verhältnisse ruhige und friedliche Hauptstadt zeigen kann. Es sollte wohl so sein, dass ich dabei meine Unschuld verlieren werde! Wir treffen uns am Samstagnachmittag und schlendern der grossen Avenida 9 de Julio entlang zum Obelisken. Es ist sonnig, hat praktisch keinen Verkehr und im Verhältnis zu einem Wochentag wenige Leute auf der Strasse. Plötzlich, 29auf einer der grossen Verkehrsinseln, genau unter dem Obelisken, wird mein Freund von hinten von einem starken untersetzten Mann um den Hals umschlungen und zu Boden gedrückt. Ein zweiter versucht sofort, ihm die Armbanduhr vom Handgelenk zu reissen. Ich hindere ihn dabei, halte ihn in Schach, immer mit einem Auge auf den ersten Angreifer, der von der Partnerin meines Freundes mit den Fingernägeln traktiert wird; sie zerkratzt ihm erfolgreich das ganze Gesicht. Er kann sich derweilen schlecht wehren, hält er doch sein Opfer mit beiden Armen fest umschlungen. Ich versuche zu verhindern, dass eine mögliche Waffe gezückt wird, mache auf uns aufmerksam und schaue gleichzeitig nach Hilfe und Polizei. So rasch wie wir überfallen wurden, so rasch lassen sie erfolglos los und sprinten auf zwei wartende Motorräder zu. Zu viert rasen sie davon. Der Schock sitzt 8uns tief in den Knochen. Niemand ist verletzt, bis auf kleine Schürfungen am Handgelenk wo die Uhr hätte entwendet werden sollen. Wir genehmigen uns in einem beschaulichen ruhigen Bistrot ein kühles stärkendes Getränk und verarbeiten das Erlebte. Es braucht zwei Tage, bis wir uns wieder sicher fühlen und das Ereignis wie einen „Blitz aus heiterem Himmel“ betrachten. Es ist schwer nachvollziehbar: Am helllichten Tag, im Zentrum einer eigentlich friedlichen Grossstadt, werden wir zu dritt von zwei Männern angegriffen. (Ich habe mich allein schon zu Unzeiten an Orten bewegt, wo ein solcher Vorfall eher wahrscheinlich gewesen wäre.) Gut, die Uhr – wir hatten uns noch darüber unterhalten – ist selbst aus weiter Sicht als etwas Wertvolles erkennbar. Zudem sind an Wochenenden die Innenstädte von Grossstädten mehrheitlich von Touristen besucht. Wir drei waren aufgrund der herrschenden Umstände unbeschwert und unbesorgt – d.h. weniger aufmerksam. Das ist dann aber schon alles, was als Lehre aus diesem Vorfall gezogen werden kann. – Die übrigen Tage verlaufen wie bisher: Friedlich, unbeschwert, spannend und kulinarisch herausragend.

Sie besteigen dann ihr Kreuzfahrtschiff und ich bin mit der neuen Katamaran-Fähre „directo“ von Buenos Aires in zwei ein Viertel Stunden (!) nach Montevideo gerauscht. Dort empfange ich meine Schweizer Freunde nochmals, die dort für einen Tag Zwischenhalt machen und führe sie durch „meine“ Stadt.

4

 

Nach ihrer Abfahrt habe ich eine Woche Zeit, Margna bereit zu machen – nein natürlich nicht vollständig. Es gelingt mir, zusammen mit einem ausgewiesenen Volvo-Mechaniker den grossen Service durchzuziehen und ein paar kleinere Dinge zu

171415

 

12erledigen. Dann kommen Manette und Jacques wieder auf ihre Farm und ich verlebe ein paar geruhsame, wundervolle Tage mit Reiten, Faulenzen, Entspannen und vor allem, tollen Gesprächen unter Freunden – unter freiem Himmel mit Blick über die angrenzenden Felder, wo die Herden von Angus Kühen, Rindern, Kälbern und Stieren friedlich weiden. Zu schnell vergeht die schöne Zeit – vielen Dank Manette und Jacques ! – und ich kehre auf Margna zurück; meine Freunde fliegen in die Schweiz zurück.

31

Wieder mal ein anderes Fortbewegungsmittel – aber eigentlich schaukelt es sich ähnlich wie auf dem Wasser!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Tage kommen meine Crewmitglieder, Irene, eine Seglerin aus Deutschland und Philippe, ein früherer Arbeitskollege und Segelfreund aus dem Seeland, für den Törn von Montevideo nach Rio. Bis dahin gibt es noch einiges zu erledigen. Im Moment wütet 33 32seit zwei Tagen ein Südoststurm derart mit bis über 30 Knoten (im Hafen!), dass Margna schief in den Leinen hängt und ein längeres Verweilen an Bord unweigerlich zu Landkrankheit führt. Einem solchen Ungetüm möchte ich im nächsten Monat nicht begegnen, er würde einem unweigerlich auf die Küste drücken. – Aber der Countdown läuft!

Kategorie(n): Logbuch

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.