20_Log_ 2. Quartal 16 – Der Absprung für die Reise nach Norden bis nach Rio – eigentlich eine Reise zurück!

1Irene ist nach einem Anpassungs- und Ausbildungstörn auf den Kanaren – bei Starkwind! – jetzt an Bord gekommen und wir treffen die letzten Vorbereitungsarbeiten gemeinsam, damit wir so rasch wie möglich ablegen können wenn Philippe, das dritte Crewmitglied, an Bord kommt. Er hat für diesen Törn nur drei bis vier Wochen Zeit zur Verfügung. Wieder ein Mal eine Ausnahme die die Regel bestätigt: Entweder Zeit oder Ort, aber nicht beides. Wir haben aber alle den Wunsch, nach Rio zu segeln und zwar noch während der guten Jahreszeit. Seine Zeiteinschränkung kompensiert Philippe zudem mit einer grossen Flexibilität: „Ich reise von da zurück, wo wir dann eben zum Zeitpunkt meines Abreisetermins sind“. Unter solchen Umständen ist eine Zeitauflage für mich ohne weiteres vertretbar. Zudem sind seine 3-4 Wochen grundsätzlich auch Zeit genug, um die 1000 Seemeilen bis Rio zu schaffen. Aber das Wetter…. – und der Wunsch oder die Notwendigkeit, an einem Ort mal etwas länger zu verweilen. Das Wetter scheint mir dieses Jahr doch unberechenbarer als im Vorjahr. Damals suchten wir nach Wetterfenstern für unseren Weg nach Süden mit Nord-Nordostwinden zwischen den regelmässig von Süden hochrückenden Kaltfronten, die bereits den Herbst ankündigten. (s. Logs 11 – 16 / 2015) Dies wurde umso wichtiger, je mehr wir Rio hinter uns liessen. – Jetzt, vor allem ab Mai, sollten die vorherrschenden Winde aus Nord weniger stark ausgeprägt sein. Dadurch wird die normalerweise vorherrschende Strömung und Wellenrichtung nach Süden abgeschwächt, vor allem in Küstennähe; bei starken Süd-Depressionen können diese sogar umkehren und nach Norden laufen, so erhält man zusätzlichen Schub. Also theoretisch ideal, um wieder „nach oben“ zu segeln. (Grundsätzlich sagen die Lehrbücher und Segler, die diese Strecke schon mehrmals gesegelt waren, dass die beste Zeit um von Norden nach Süden zu segeln so ab November, besser Januar/Februar bis Ende März sei. Um dann wieder nach Norden zu segeln: Mai und Juni, allenfalls September/Oktober. Grundsätzlich ist es jedoch so, dass eigentlich jede Strecke zu jeder Zeit (Ausnahmen bestätigen die Regel) bewältigen kann, wenn erstens genügend Zeit vorhanden ist und zweitens Einschränkungen (Kälte/Gewitter/schweres Wetter etc.) in Kauf genommen wird. – Segler hier im Club meinen denn auch, dass bloss eine Kaltfront abgewartet werden muss, um dann „ einfach auf deren Schwanz mitzureiten!“ Das vergleiche ich dann gerne mit einem Bullen auf Jacques Farm, der mich an seinem Schwanz hängend über die Weide ziehen soll!

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Studium der Wetterkarten auf Passageweather, aber auch der Bordeaux Weine - wegen einer Wette!

Studium der Wetterkarten auf Passageweather, aber auch der Bordeaux Weine – wegen einer Wette!

 

 

Die aktuellen Windbilder sind für mich im Moment verwirrlich. Immer wieder preschen Stürme aus Südost heran und werfen ihre geballte Kraft an die Küste, genau da wo wir sind (Montevideo/Flussmündung Rio de la Plata) und da wo wir hin wollen (Rio Grande do Sul). Das bewirkt, dass Margna selbst im Hafen manchmal so in den Seilen hängt, als wären wir an der Kreuz. Hinter uns an der Hafenmole schwappen die Brecher über und nach einem Tag an Bord bereitet einem das Gehen an Land Mühe. Trotzdem wird die Liste zum Auslaufen, so zielstrebig wie es eben geht, abgearbeitet. – Dann erreicht mich die Meldung von Philippe, dass er mit grossem Bedauern im Moment nicht kommen könne, seinen Flug annullieren müsse, aber gerne zu einem späteren Zeitpunkt einen Törn unternehmen möchte. – Zwar bedaure ich diesen Umstand enorm, doch nimmt er damit auch Zeitdruck weg, sowohl für den „Absprung“, als auch für die gesamte Strecke nach Rio.

Mit Bernie wollen wir noch einen Probeschlag auf dem Rio de la Plata unternehmen, um das von ihm überprüfte Rigg „zu testen“. Entweder hat es dafür zu wenig Wind (unter 15 Knoten), zu viel oder er keine Zeit. Dann ist er weg zu einer Regatta in San Diego. Vom Flughafen ruft er mich noch eilig an und gibt mir ein paar nützliche Ratschläge – erkundigt sich aber auch beiläufig, wie wir die noch ausstehenden Beträge abrechnen wollen. Ich beruhige ihn, dass wir auch das „auf Distanz“ regeln können. – Aber vielleicht sind wir ja auch immer noch hier, wenn er in ungefähr zehn Tagen zurück kehrt.

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Wir verabschieden uns dann schon mal im Mercado beim Team unseres bevorzugten Grillrestaurants „Veronica“ und zu unserer grossen Freude schenkt uns die Tochter der Gerantin ein Trinkglas mit Aufschrift des Hauses. Diese nette Geste rührt uns gehörig, sind wir doch erst seit ganz kurzem – mit Unterbrüchen – zu „ richtigen Stammgästen“ geworden. Es fällt wieder mal schwer, Abschied zu nehmen

Und wieder zieht ein Sturm auf. Diesmal ist die Kraft so stark, auch im Zusammenhang mit einem hohen Koeffizient der Gezeiten, dass erst der fixe Steg geflutet wird – und schliesslich ganz im Wasser verschwindet: Land unter!

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Die Vorbereitungsarbeiten sind abgeschlossen (eigentlich sind sie das ja nie!) und wir wären bereit, zum Auslaufen.

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Noch scheinen uns jedoch die Zeitfenster zu eng für mindestens drei sichere Tage und mindestens zwei weitere mit positiver Tendenz. Das ist nun der Luxus, wenn man Zeit hat, bedeutet aber auch gleichzeitig: Sicherheit.

Wir nutzen die Zeit für Besuche im Teatro Solis - sensationell!

Wir nutzen die Zeit für Besuche im Teatro Solis – sensationell!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dann sind sie da, die günstigen Aussichten. Erst als blosse Indikation auf Passage Weather, erhärten sich dann aber übers Wochenende. Wir machen uns auf zum Beamtengang. 31 Abmelden bei Immigration direkt in der Marina und bei….., ja bei wem? Beim Repräsentanten der Port Authority, der hier sein Büro hat, da hier auch die Lotsenboote stationiert sind. Der Zoll muss nicht aufgesucht werden, zumindest nicht fürs Boot. Allerdings haben wir – wohlweislich in Erwartung nicht ganz unproblematischer Bedingungen – hervorragende Seglerstiefel gekauft, deren rund 20% Mehrwertsteuer wir mittels „Global Blue“ zumindest teilweise zurückfordern können – aber wo, wann und wie? Erst tut sich der Zollbeamte unheimlich schwer und versucht uns weg zu weisen. Dann lässt er sich erweichen (oder mit Fakten „erschlagen“). Auf alle Fälle erledigt er es schliesslich mit ein paar Computerklicks. Na also, warum denn nicht gleich so. (Zur Info: Wenn man in einem Laden in Uruguay, der „Global Blue“ anbietet (ein institutionalisierter Rückforderungsmechanismus) einkauft, wird einem ein Formular ausgefüllt, das dann mit dem Ausreisestempel der Emigrations-/Zollbehörde versehen werden muss. Mit diesem kann dann in einem dafür vorgesehenen Büro (Buquebus Gebäude / Flughafen) die Rückvergütung auf die Kreditkarte veranlasst werden. – Eine andere touristenfreundliche Geste ist, dass Restaurantrechnungen, die mit Kreditkarte bezahlt werden, eine teilweise Rückvergütung der Mehrwertsteuer automatisch vom Rechnungsbetrag abzieht!)

Die Militär Person der Port Authority ist unkompliziert, hilfsbereit und zuvorkommend. Rasch ist diese Formalität erledigt. (Wichtig ist, dass die Hafengebühr bezahlt ist!) Dann machen wir uns auf in den kommerziellen Hafen, da wo auch Buquebus ablegt (gegenüber dem alten Mercado mit den Grillrestaurants). Auch da ist das Prozedere unkompliziert. Ich bin gespannt, wann die Frage nach einer möglichen Taxe fürs Boot gestellt wird. Ich habe mich erkundigt und keine schlüssige Antwort erhalten. Irgendwo liegt die Grenze der Aufenthaltsdauer für das Boot zwischen neun und zwölf Monaten. Ob dies innerhalb eines Kalenderjahres gerechnet wird oder wie lange genau man „zollfrei“ bleiben darf ist mir nicht klar. Da Margna kein volles Jahr in Uruguay war, scheint diese Gebühr nicht erhoben zu werden. (Man könnte dies damit legal umgehen, in dem man innerhalb der –mir nicht bekannten- Frist das Land kurzfristig, z.B. nach Argentinien, verlässt und wieder einreist. Sonst wird eine (einmalige?/jährliche?) Taxe von ungefähr US$ 500 fällig.

 

3332Wir haben die Papiere und mussten nichts bezahlen. Also können wir morgen Dienstag auslaufen. – Nichts da! Das Personal der Marina ist in den Streik getreten. Die neue Marinaleitung hatte infolge Geldmangels beschlossen, Sparmassnahmen zu ergreifen und das bedeutet auch, sich von Angestellten zu trennen. Deshalb ist heute das Sekretariat (Begleichung der restlichen paar Tage Marinaaufenthalt) leer und die sonst so hilfreichen Marineros nicht bereit, beim Ablegen behilflich zu sein. Das für uns günstige Wetterfenster ist aber gross genug, also warten wir bis Mittwoch. Der Tag ist strahlend schön und warm – aber der Streik dauert noch an. Wir wollen/müssen nun los. Pololo von der Marinaleitung hilft uns, die durch die Stürme festgezurrten Knoten zu lösen – und das ganz spontan aber unter Zeitdruck. Bevor wir uns versehen ist Margna vom Ponton abgehängt und wir gleiten durch die Ausfahrt in eine ruhige und flache Flussmündung. Alles wirkt so unwirklich. Noch vor Tagen schwappten die Brecher über die Mole. Zudem haben wir aufgrund der herrschenden Umstände so abgelegt, als ginge es bloss an die Tankstelle. Die Systeme müssen erst hoch gefahren werden und die letzten Ablege-Vorbereitungen werden dann eben „auf See“ gemacht werden. Gut, wären die Wetterumstände anders gewesen, wir hätten uns kurzfristig an einen der schwimmenden Pontons verlegt. So aber haben wir genügend Zeit, alles nachzuholen und uns 35ordnungsgemäss für die 3 – 4 Tage Fahrt vorzubereiten. 34Zuerst muss aber der Giro-Kompass noch kalibriert werden. Idealere Bedingungen dafür könnten nicht herrschen. Wir drehen Margna in ruhigen Kreisen um die 360° bis die Anzeige bestätigt: Kalibriert. Dann lenken wir den Bug gen Nordosten und gleiten unter Genua mit Motorunterstützung – und ablaufender Tide – mit über sechs Knoten aus der Bucht. Bilderbuch Start trotz der besonderen Umstände wegen des Streiks. Wir sind unterwegs.

Ein Bilderbuchstart - trotz ungewollt überraschenem Ablegen!

Ein Bilderbuchstart – trotz ungewollt überraschenem Ablegen!

 

 

 

 

 

 

 

 

20_Log_ 2nd Quarter 16 – Preparations for the trip North up to Rio de Janeiro – in fact, sailing back!

Irene has come on board after a brush up course on the Canary Islands – with strong winds! We prepare Margna to be ready to head back up north as soon as Philippe, the third crew, arrives in Montevideo. His timeframe is tight, three to four weeks. In principal, the old rule still exists: Guests can chose, either time or location, but not both. In his case it is perfectly all right with me to deviate, as he shows great flexibility and says: “ I will take the bus to Rio from wherever we are, once my time is up.” Normally, four weeks are plenty of time to sail these roughly thousand nautical miles, but at this time of the year and with these strange weather patterns one never knows.

One year ago we were looking for decent winds from the north and tried to avoid the strong depressions from the south that announced winter. This time it is trickier: We have to avoid strong northerlies as well as southerlies – and this guaranteed for at least three days with a good outlook for the following two, as there is little shelter practically up to Florianapolis. (see Logs 11-16/2015) – Now, as from May on, the winds from the North should fade and depressions from the south with their strong winds can even change the flow of the prevailing current northwards. This would be perfect to head back up to Rio. (Sailing guides and discussions with other sailors confirm the theory that for sailing back up the Brazilian coast it is wise to wait until May/June – may be September / October. But we might agree: One can sail any route if one has enough time to wait for the right weather window or is prepared to sail under unfavourable conditions, like cold temperature and/or strong winds.) So we listen to local navigators who tell us, that we have to wait that a depression from the South passes and then “jump on its tail” and sail smoothly up north. This sounds to me like holding a bull on Jacques farm on its tail and letting me tow across the field!  

The actual wind patterns here in Montevideo are confusing, to say the least. There are numerous storms from the south that beat the coast right up to Rio Grande do Sul – where to we want to go – and the river entrance of the Rio de la Plata – where we would like to depart. This causes Margna to hang in her ropes as if we were sailing close-hauled. Behind us the sea washes over the harbour mole. Under these conditions it is difficult to walk on land after a day on board. Nevertheless, we work down the “to-do-list”. – Then Philippe let us know that with great regret he has to cancel his trip but would like to join another time. We regret this as well but this means also, that the time pressure is gone and we can chose the right moment for our departure – respectively take our time.

With Bernie I wanted to go out sailing in order to professionally adjust the rig after his checking it. But either we do not have enough wind (at least 15 knots) – or too much. And then he is gone to a regatta in San Diego! He calls from the airport and gives me some last-minute advises. But who knows, maybe we are still going to be there when he returns in about ten days.

We say goodbye to the team of the “Veronica” in the old Mercado, our preferred grill restaurant. To our great surprise the daughter of the house offers us a glass with the logo of the restaurant. Gestures like this makes leaving so difficult.

And again another storm passes. This time it’s strength is such that the jetties are under water and passing becomes impossible; we have to call the ferry of the club – always an adventure to climb on board.

We are ready and could leave – in fact one has never finished all that what one intended to do before leaving. And still, the windows of opportunity remain too tight, so we have to wait. This is the luxury when one disposes of enough time – and it gives security.

Then they are here, just the right conditions for the next couple of days – in fact a whole week! So we do the checking out with the authorities. We can leave out customs here in Uruguay, at least what the boat is concerned. But we have bought some excellent sailing boots at a good price and could on top of it claim back the value added tax of about 20% under the so called “Global Blue” arrangement, but where? We get hold of a customs officer who tries to send us off, but we insist until, with a few mouse clicks, he has released the tax return back on the credit card account. (Info: When buying goods in Uruguay in a store that offers “Global Blue”, one gets a form that has to be filled out and stamped by customs when leaving the country. At the same time he or she can credit the credit card account. The offices for this are either at the Buquebus Terminals in town or at the airport. – Another tourist friendly gesture is, that part of the value added tax is deducted from restaurant bills when paid by credit card!)

Port authority is easy. They are right in the Marina (Montevideo Yacht Club) and they check mainly that the marina dues are paid. With immigration, in the commercial harbour, right opposite the old Mercado with its grill restaurants, we check out. I am curious if and when the question about a possible tax for the boat is raised. I have investigated the issue without coming to a conclusion. There is a nine months/ one year “free time”. And it is not clear to me if it is nine months or a year within a calendar year. As Margna was not a full calendar year in Uruguay, it seems that nothing is due. (Legally one could avoid paying the tax of about USD 500 (one time? / yearly?) by leaving Uruguay, for example to Argentina across the river and return after having checked in and out there.) We receive the papers without having to pay anything. So we can leave tomorrow, Tuesday! – Not possible! The personnel of the marina are on strike. The new Management team of the Club had decided that due to money shortage they had to launch an austerity program, most probably also to lay off people. So there is no one in the office and the otherwise helpful marineros refuse to assist us in leaving. We understand and since the weather window is wide open, we can easily spend another day. But also the following day the strike goes on. Pololo from the marina management helps us undo the lines with the knots that have been tightened by the passing storms. Before we actually realize it, we are free and floating – but we are not yet prepared to leave. The system is not up and running and in fact we are not ready – we thought … but anyway it is too late and a beautiful day, practically no wind and the sea is flat calm. So we motor out of the marina as we are. Unreal! A couple of days ago the sea was washing over the mole – now this. We get everything ready as it should be and also take advantage of the calm conditions to recalibrate our compass. We turn Margna several times in a 360 circle and by this have time to have a last good long look of Montevideo. What a wonderful time spent here! Then we head out of the river mouth in direction of Punta del Este. A light breeze fills the sails and the tide assists reaching easily over six knots. A dream start! Finally we are under way.

 

Kategorie(n): Logbuch

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