Log_24_Die Olympischen Sommerspiele – Rio 2016

Log_24_Die Olympischen Sommerspiele – Rio 2016!

(nur auf deutsch)

 

 

Pater Didon schrieb:

 

“Coubertin, der Gründer der Spiele, hat das so formuliert: „Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht der Sieg, sondern die Teilnahme, wie auch das Wichtigste im Leben nicht der Sieg, sondern das Streben nach einem Ziel ist. Das Wichtigste ist nicht erobert zu haben, sondern gut gekämpft zu haben.“ Das kommt auch in dem Motto „Dabei sein ist alles!“ zum Ausdruck”

 

Diese weisen Worte habe ich soeben nochmals verinnerlicht. Ich sitze im Internationalen Flughafen Galeao von Rio bereit, nach der langen Seereise von Montevideo bis Rio und den erlebten Spielen in die Schweiz zurück zu kehren. Zweieinhalb Stunden vor Abflug wundere ich mich, warum keine Schlage am Check-in Schalter entsteht. Nachdem ich mich erkundige, weist man mich an einen ganz anderen Check in Schalter am andern Ende der Halle. Dort ist, wiederum verwunderlich, alles schon eingecheckt?? Ich erhalte die Auskunft, dass ich mit einer anderen Fluggesellschaft am Abend – also in etwa acht Stunden – fliegen werde. Gründe: Überbuchung! Aber man habe mich bei der anderen Fluggesellschaft in die nächst höhere Klasse gebucht – es sei aber vielleicht, unter Umständen, eventuell … doch noch möglich allenfalls … in 20 Minuten vielleicht doch noch zuzusteigen. Das hiesse: 30 Minuten bevor das Gate schliesst! Ich muss aber noch durch die Sicherheitskontrolle mit meinen Laptops und weiss schon jetzt, dass ich mich bei der Ausreisebehörde etwas länger aufhalten werde. Also bin ich auch nicht wütend, dass es nicht mehr möglich ist und tröste mich, dass ich schliesslich einen guten Deal bei der anderen Fluggesellschaft habe – glaube ich wenigstens, denn: Bei dieser weiss man von nichts, aber einen Platz haben sie für mich – in der Mitte einer Dreierreihe ganz hinten! (Und ich hatte doch extra früh sowohl den Flug als auch einen speziellen Sitzplatz –auf den ich mich freute – gebucht.) Auf mein Insistieren schickt man mich mit der Bemerkung zurück, es wäre schon jemand hier gewesen mit demselben „Problem“. Lösen könne dies nur die andere Fluggesellschaft. Ich also schon leicht genervt mit meinen über 70 kg Gepäck wieder durch die Halle zurück – und dort ist natürlich niemand mehr! Na denn, wieder zurück mit der Bitte um einen Upgrade den ich natürlich zu zahlen bereit bin und eben so natürlich Fluggesellschaft Nr. 1 in Rechnung stellen werde. Ich ernte nur ein müdes Lächeln im Sinne: Seien Sie froh, dass Sie überhaupt einen Sitzplatz haben!

Die Sicherheitskräfte, Militär und Polizei in der näheren Umgebung sind bis über die Zähne bewaffnet und auf mich allein kommen mindestens 10 Mann. Also lass ich es bleiben, mich auf den Boden zu werfen und zu schreien, was ich am liebsten täte. Würde aber auch nichts nützen.

Also konzentriere ich mich auf das Positive. Für was habe ich dann den Ruf, immer nur das Positive zu sehen? (Na ja, nicht immer und bei allen!).

So habe ich nun genügend Zeit bis zum Abflug – inzwischen nur noch sechs Stunden! Damit kann ich:

  1. a) in aller Ruhe durch die Sicherheitskontrolle mit meinen vier Gepäckstücken, vollgepackt mit Computern, externen Sicherungsplatten, Fotogeräten, Inmarsat etc. etc.
  2. b) genügend Zeit aufwenden für Diskussionen mit der Emigration, weil die Schweiz anscheinend ihre Praxis mit Brasilianern die in die Schweiz kommen geändert hat. (Ist dies eine Auswirkung der Bilateralen und/oder der Freizügigkeitsdiskussion? Das wird nun vermutlich dazu führen, dass ich überzeugter Europagegner werde? Gegen die SVP kann ich keine Konsequenzen androhen; ich hätte sie ohnehin nicht gewählt.) Brasilien bringt sofort Reziprozität ins Spiel. Das heisst, als ich vor Ablauf des Visums dieses zu verlängern beantragte, zeigte mir der wenig freundliche Beamte (zum ersten Mal!) ein Schild, auf welchem klar und deutlich steht, dass die Schweiz mit Europa in dieser Frage – seit jüngstem – gleich gestellt ist. Das heisst, ich kann nicht verlängern. Auf meine entsprechende Frage, was ich nun tun muss, erwidert er noch eine Spur genervter: Ausreisen oder die Busse von Reais 8/ Tag (CHF 2.60) für die 16 Tage bezahlen. Und tschüss!
    1. c) gepflegt etwas feines Essen und meinen Frust damit besänftigen.
  1. d) an diesem gepflegten Ort haben sie sicher WiFi und ich kann die Stunden für meine Homepage nutzen.

Tönt doch positiv, oder? Die Tatsache:

Ja, ich habe viel Zeit, aber

  1. nichts da mit aller Ruhe, schliesslich wollen jetzt nach Ende der Spiele alle auf ihre Flugzeuge, also hop hop
  2. die Diskussion dauert – freundlich – viel länger und aufwändiger als dachte. Ich muss für diese „Übertretung mit Einvernahme“(!) Reais 132 (CHF 40 +/-) bezahlen. Hat das negative Auswirkungen? Gibt das Probleme? – Überhaupt nicht. Ich muss nur die komplizierte Berechnung im System dann berücksichtigen, wenn ich wieder einreise:
    Da ich am 4.2.16 einreiste, zählen die 180 Tage, während denen man maximal 90 Tage in Brasilien sein darf, ab diesem Datum für ein Jahr, das heisst für mich nun bis zum 3.2.2017. Wenn ich also auf Neujahr einreise, werde ich bis zum 3.2.2017 nur 68 Tage erhalten. (Total 180 minus die verbrachte Zeit seit der ersten Einreise am 4.2.16 ) Alles klar? Mir jetzt schon, aber wieder mal ist es anders, als ich es errechnete. – Aber den Behörden kann man kein Wischi-Waschi unterstellen. Das System bildet alles klar ab, man muss es nur verstehen und dieses Mal hat man es mir nochmals freundlich erklärt. Jetzt kann ich 2017 planen!
    Grad stell ich fest, dass ich diese „Busse“ nur direkt bei einem Schalter des Banco do Brasil bis zum 12/09/2016 ! bezahlen muss – wie soll ich das tun???? (Der Blutdruck steigt schon wieder!) Die freundliche Beamtin lässt mich wissen, dass es absolut OK sei, dies bei einer eventuellen Einreise zu erledigen. Wo ist das Problem?
  3. Gepflegtes Essen? Das höchste der Gefühle ist ein vollgestopftes schwabbeliges Subway-Sandwich, getrimmt auf grösstmöglichen Return on Equity!
  4. Wifi – natürlich verbindet sich mein Gerät sofort mit dem Flughafen Wifi, aber eine Verbindung zum Server – Fehlanzeige, oder so langsam dass selbst ein Berner (ich bin einer!) die Geduld verliert.

Anmerkung der „Redaktion“: Der nachfolgende Bericht mag deshalb, zumindest am Anfang, ein wenig durch diese Ereignisse „gefärbt“ sein!

Und TROTZ ALLE DEM: Ich bin froh, dass ich die 1200 Seemeilen gegen vorherrschende Windrichtung und Strömung hochgesegelt bin. Es waren tolle Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen. Es war spannend, fröhlich, lebenslustig, farbig, anstrengend und gleichzeitig enorm entspannend. Und selbst jetzt, hier im Flughafen mit all den Athletinnen und Athleten, Funktionären, Unterstützungstrupps und Spielbesuchern ist es ein besonderes Schauspiel, quirlig und abwechslungsreich. Noch nie habe ich so viele unterschiedliche Menschen an einem Ort gesehen!

Aber nun der Reihe nach:

31.Juli 2017: Ankunft in Rio von Parati kommend mit dem Bus (4 1/2h) Es ist der Vorabend der Eröffnung des „House of Switzerland“. Diese fäll zusammen mit dem nationalen Geburtstag der Schweiz: 725 Jahre! Es ist allerdings nicht ganz einfach aufs Gelände zu gelangen. Das Schweizer Haus soll während den ganzen Spielen Begegnungsort sein von Sportlern, Zuschauern, Medienschaffenden, Brasilianern mit allen Gästen anderer Nationen, die das Schweizer Haus besuchen wollen. Aber heute Abend ist „by invitation only“! Das heisst, die Botschaft hat namentlich eingeladen. Da ich nicht registriert bin – vielleicht sollte ich das tun? – keine Einladung!

Per Zufall spricht mich der für das Haus und die Organisation zuständige Botschaftsangehörige bei einem

Seiteneingang auf Schweizerdeutsch an (sehe ich so aus?) und ein Wort ergibt das andere … und natürlich überwiegen

die nationale Verbundenheit und die Gastfreundschaft die starre Einladungsordnung. Es ist ein vergnüglicher Abend. Doch das Ergattern von Raclette und Wein ist aufgrund des Erfolges dieses Projektes sehr schwierig.

Als Trost gibt es einen offerierten Caipirinha im Stehen. Der schmeckt aber komisch? Dann schwant es mir: Heimischer Schnaps (Kirsch) anstatt Cachaça – und so ist es. Nicht erstaunlich, dass die Brasilianer, die in grosser Zahl anwesend sind, diesem nicht so zusprechen. Vielleicht war das gewollt oder man dachte sich, dass wenn man den Caipirinha mit Vodka oder gar mit Steinhäger (im Süden Brasiliens!) zubereiten kann, dann auch mit Kirsch! Ich ziehe allerdings auch den Caipirinha traditional vor – oder dann eben ein Bier.

Nach der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, die wir auf der Grossleinwand des Baxio Suiço (Schweizer Haus) verfolgen können, gelten die Spiele nun offiziell als eröffnet. (Einzelne Begegnungen, zum Beispiel Vorrunden des Fussball, fanden bereits vorher statt.) Entgegen einem anfänglichen Impuls habe ich mir aber im voraus keine Tickets besorgt. Ich will mich auf die Ambiance, die Stimmung rund um die Spiele in dieser wunderbaren Stadt konzentrieren.

Anna, meine Airbnb Gastgeberin in ihrer Oase der Ruhe in Santa Teresa (da wo wir uns auch vom Carnaval jeweils zurück zogen) erhielt zwei Tickets für ein Tennis Match. Nun

Federer, Wawrinka und Brecinsky sind ja nicht nach Olympia gekommen. (Wawrinka und Brecinsky haben jetzt gerade an den Wettkämpfen in Cincinatti teilgenommen. Das bringt Punkte und Geld! Ich werde mir keine Spiele mit den beiden mehr ansehen!)

Das IOK hat bekanntlich den Amateurstatus aufgehoben, weil sowieso kein Sportler auf diesem Niveau mehr Zeit für eine reguläre Arbeit hätte. Und dann bleiben manche Spitzenprofis weg, weil sie kein Geld und keine Punkte an den Olympischen Spielen erhalten. Eigentlich weder im Geiste von Olympia noch der nationalen Sportverbände, die diese Sportler, auch finanziell, förderten. (Dies ist meine erste Kritik an der Organisation der Spiele und den Sportlern. Es folgen noch ein paar, aber vielleicht sehe ich das einfach zu eng.)

Anna nimmt mich mit in ihrem Auto mit bis Leblon, weil Santa Teresa bezüglich Anbindung an das Metro-Netz ein wenig abgelegen auf einem Hügel liegt. Die Zeit, die wir zu Fuss zur Metro Station gebraucht hätten, genügt – trotz Olympia! – mit dem Auto bis Leblon. Das beweist die „beruhigte“ Verkehrssituation. Die Cariocas, unsicher über geschossenen Strassen und Umleitungen (Rad Strassenrennen / Marathon etc) lassen ihr Auto stehen – wenn sie nicht ohnehin für diese Zeit ihre Stadt verlassen haben.

Ab Leblon fährt die neu erstellte U-Bahn bis in den Nobelvorort Barra, wo ein Teil der Spiele stattfindet. Grade diese Bahn zu diesem (Nobel-) Quartier findet einen massiv negativen Widerhall in den internationalen Medien. Warum wird ein Gebiet gefördert, das aufgrund der dort wohnenden besser gestellten Bürger Rios, ohnehin privilegiert ist? Und gerade die erhalten nun auch noch eine Bahnerschliessung und Infrastrukturaufbesserung! Eigentlich eine berechtigte Kritik, aber sie fällt etwas kurz, da die gutgestellten Bewohner dieses Quartiers wohl eher ihre Chauffeur-gesteuerten, gepanzerten Luxuskarrosssen nutzen, wenn nicht gar den Heli. Aber all die zig-tausend Arbeitskräfte(Haushaltshilfen, Restaurant- und Hotelangestellte, Reinigungs- und Sicherheitspersonal etc.) pendeln jeden Tag von ihren einfachen Behausungen in den Aussenquartieren nach Barra und die neuerstellte U-Bahn ist eine massive Erleichterung ihres täglichen Pendlerlebens. Mit der Entwicklung dieses Quartiers, werden weitere neue Arbeitsplätze geschaffen und umliegende, weniger attraktive Wohngebiete erschlossen. Ich bin zwar blauäugig – aber nicht ganz so wie die zum Teil blinden Kritiker.

Diese Bahn dürfen während den Spielen allerdings nur Besucher mit gültigen Eintrittskarten besteigen. Das gab am Anfang noch etwas Unruhe, bis alle diese temporäre Lösung des Besucherstrom-Leitsystem begriffen hatten und versuchten, von der „normalen“ U-Bahn in die neue umzusteigen. Mit dieser vorübergehenden Lösung hat man genug Platz geschaffen, um die Massen von Zuschauern reibungsfrei transportieren zu können. Die hohe Kadenz der fahrenden Züge tut ein Übriges dazu. Eine erstaunlich effiziente und, nicht zu verachten, sichere Lösung!

In der modernen Endstation in Barra muss in Busse der neusten Bauart umgestiegen werden. Die Leitsysteme und die überall präsenten Helfer weisen – meist auch in Englisch – kompetent und freundlich den Weg. Vielfach ertönt ein: „Willkommen in Rio!“ oder „ Viel Spass an den Spielen!“. Nicht gekünstelt eingetrichtert, sondern der brasilianischen Lebensart entsprechend.

Wir erreichen die Arena ohne Stress und rechtzeitig. Die Unsicherheit ist nur kurz, was unser Ticket genau beinhaltet, bei so vielen verschiedenen Arenen und Spielen. Wir haben ein Hauptspiel zugewiesen erhalten: David Ferrer gegen Evgeny Donskoy, könnten aber auch in andere Arenen wechseln. Dies tut dann auch die Zapper-Generation: Sie schauen rein, erhalten einen Eindruck und wenn es nicht top-spannend ist ziehen sie weiter zum nächsten Spiel. Wir aber bleiben und erleben einen Hitchcock-Match bis zum letzten Aufschlag. Und der Favorit unterliegt! (Allein schon deshalb bin ich der Meinung, sollten die Spitzen Profis hier antreten. Es wird auf hohem Niveau gespielt, angestachelt von der besonderen Atmosphäre der Olympischen Spiele und man ist nicht nur „unter sich“ in den Rankings.)

Wir beide finden die Spielentwicklung über diese zweieinhalb Stunden enorm spannend. Man kann momentane Schwächen erkennen, das Zurückkommen und wieder Nachgeben, das Aufflackern nach einem guten Punkt und das Überwinden einer Verzweiflung, wenn etwas nicht glückt. Es wäre schade gewesen, wenn wir nicht geblieben wären. Dann aber haben wir genug – auch von der Hitze. Die Eindrücke sind so vielfältig für nicht-Spezialisten wie wir, dass wir diese erst bei einem kalten Bier, zurück in Leblon bei einem Mittag-/Nachtessen in einem ruhigen Lokal (ohne Fernseher!) „verarbeiten“ und später in Santa Teresa bei einem Absacker noch nachhallen lassen. Danke Anna für die Einladung!

Die nächsten Tage schlendere ich durch die Public Viewing Places. Alles ist, für mich aus meinem Blickwinkel, gut organisiert und die Sicherheit ist top gewährleistet. Ich bewege mich auch durch Rio’s Zentrum ohne ungutes Gefühl, denn ich habe immer entweder einen Polizisten, Militär oder Tourismusguide im Blick. Sie alle sind unauffällig, unaggressiv präsent, seriös und professionell.

Umso ärgerlicher ist dann die Episode der amerikanischen Sportler, die erst behaupteten, sie wären von verkleideten Polizisten mit Waffen bedroht und dann ihrer Barschaft entledigt worden. Nach längerem Hin und Her und klarer Beweislage stellte sich heraus, dass die Sportler etwas über den Durst getrunken hatten, sich bei einer Tankstelle Zugang zur Toilette forciert verschafften und schliesslich vom lokalen Sicherheitsbeamten aufgefordert wurden, den Schaden für die eingetretene Tür zu bezahlen! Eine lamentable Geschichte, die aber so gut in die vorgefasste Meinung über eine gefährliche Stadt passte!

An einem Tag erinnere ich mich, dass ich ja eigentlich Segler bin und deshalb doch schon die Wettkämpfe dieser Sportart zumindest aus der Ferne besuchen sollte. Also gehe ich zu Fuss von Santa Teresa nach Gloria, wo sich der Yachthafen befindet. Dort sind alle Boote und Teams untergebracht, weshalb der Hafen für die übrigen Yachties geschlossen wurde. (Meinen ursprünglicher Plan, in der Bucht von Rio oder in Niteroi Unterschlupf zu finden, um dann die Wettkämpfe vom Boot aus zu besuchen, hatte ich aufgegeben. Dies stellt sich als richtig heraus. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Wettkämpfe sind so rigide, dass ich diese besser vom Ufer aus betrachte.)

Es gibt einen abgeschlossenen Bereich für Zuschauer mit Karten. Daneben angrenzend ist ein weiterer Sandstrand, von dem aus man ebenso gut die Wettkämpfe verfolgen kann. Unterschied: Eintrittskosten und deshalb die fehlende Infrastruktur wie: Grosser Bildschirm, Restaurants, Toiletten, Informations- und Souvenirstände, Security. Wie ich aber sehe, dass die Schlange für Tickets überblickbar ist, und es waren fast überall noch Tickets erhältlich, entschliesse ich mich für den abgesicherten Strandabschnitt und stelle mich in die Kolonne. Da werde ich von einem der Hilfskräfte höflich mit einem Lächeln darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich – in meinem Alter! – in die dafür vorgesehene privilegierte Schlange stellen darf. (Diese ist auch für Schwangere, Familien mit Kindern und Gebrechliche vorgesehen). Nachdem ich beobachten konnte, dass sich Männer sogar Kinder ausleihen, um hier anstehen zu können, fühle ich mich etwas besser – aber nur etwas. Meine neue Linie ist viel kürzer, also weshalb nicht von den Altersringen profitieren? Da tippt mich eine ältere Brasilianerin auf die Schulter und fragt auf English, ob ich wisse in welcher Kolonne ich stünde. Tut das gut! Ich bejahe mit dem Hinweis auf mein Alter und sie streckt mir ein Ticket entgegen, das sie für ihren Cousin gekauft hatte, der aber nicht kommen könne. Noch bevor ich richtig reagieren kann habe ich das Ticket in der Hand und die Dame ist schon wieder weg. Ich entdecke sie und will mich bedanken. Sie aber verwirft die Hände und sagt: „Nein, nein, sie müssen nichts bezahlen.“ Brasilianische Gastfreundschaft!

So bin ich im gesicherten Raum und geniesse dessen Vorzüge. Dabei nutze ich auch die Kolonne für ältere Personen beim Anstehen für Getränke und Essen. Langsam kann ich mich daran gewöhnen!

Die Grossbildschirme zeigen eindrückliche Bilder und geben zusätzliche Erklärungen. Das Feld ist aber nicht so weit weg vom Ufer und nach jeder Durchfahrt versammeln sich die Athleten mit ihren Booten ganz in der Nähe. Der Vorteil hier ist allerdings auch, dass ich die Wettkämpfe auf der anderen Seite der Bucht, vor Niteroi, mit Kommentaren verfolgen kann. So verbringe ich einen ganzen Nachmittag am Strand und erlebe die Wettkämpfe, die bei guten Bedingungen ausgetragen werden können. Es wurde im Vorfeld befürchtet, dass in der Bucht zu wenig Wind herrsche. Es gab aber Momente, wo die Athleten mit ihren Booten an ihre Grenzen kamen, so stark blies es aus Süd – und die Radiostation SRF (Schweizer Radio und Fernsehen), die an erstklassiger Lage am Ipanema Strand temporär stationiert ist, berichtete zu dem Zeitpunkt von gigantischen (!) Wellen, die sogar die Radiostation gefährdet habe sollen. Ich habe später einen Augenschein genommen …!

Bei einem Spaziergang bieten mir Studenten eine Broschüre an, die vor der Zika Gefahr warnt. Ich bleibe stehen und frage, für was sie mir das geben möchten und lächle – sie lächeln wissend zurück. (Tragisch ist, dass dermassen übertrieben wurde, so dass sogar ein paar Wochen vor Beginn die Durchführung der Spiele in Frage gestellt wurde! Aber noch viel tragischer ist, dass seit die Spiele vorbei sind, sich hier in Brasilien praktisch niemand mehr um die Opfer der Zika-Ansteckung und deren Kinder kümmert. 2/17)

Gegen Ende der Spiele trage ich mich doch noch mit dem Gedanken, allenfalls das Finale des Fussballs im Maracana Stadion oder die Schlussfeierlichkeiten zu besuchen. Während eines Nachtessens in einem Restaurant sitzen am Nebentisch zwei Männer. Man kommt ins Gespräch und sie erzählen mir, dass sie für eine grosse Ticketorganisation arbeiteten und dass sie noch jedes Ticket organisieren könnten. Sie überlassen mir ihre Visitenkarte – ich checke die Seriosität im Internet – und wir tauschen uns per Mail ein paar Mal aus. Befremdlich ist, dass fast gleichzeitig ein Skandal aufgedeckt wird, bei welchem ein Mitglied des Olympischen Komitees einen verbotenen Ring aufbaute, dem er Tickets mit Kickback zugehalten hat. Er wurde eines Morgens im Morgenrock in einem Nobelhotel in Rio verhaftet – und ich hatte keinen Mailkontakt mehr …?

Das war letztendlich auch gut so:

Das Finalspiel Brasilien gegen Deutschland verfolge ich in einem typischen lokalen Restaurant in Santa Teresa. Ich bin da der einzige Tourist und die erste Frage, die man mir stellt beim Eintreten ist, ob ich Deutscher sei? Ich erkläre meine „Neutralität“ und bin willkommen. (Auch als Deutscher wäre ich willkommen gewesen, aber ich hätte mich wohl etwas zurückhalten müssen. Die 7:1 Niederlage an der WM ist noch schmerzhaft tief in der Seele der Brasilianer eingraviert.) Ich erlebe einen super Abend, der spannender und schliesslich ausgelassener nicht hätte ausgehen können, nachdem Neymar (da Silva Santos Júnior) für Brasilien, als letzter im Penaltischiessen das entscheidende Tor schoss! Was für ein Abend!

Und zu den Schlussfeierlichkeiten verlasse ich nicht mal das Haus. Eine eindrückliche Tiefdruckzone aus Süd fegt über Rio hinweg. Es giesst aus Kübeln und die Temperatur fällt in den Keller. Jetzt sind sie also auch hier oben angekommen, die Winterstürme aus dem tiefen Süden, auf deren Rückseite wir jeweils mit Nervenkitzel „mitgeritten“ sind.

Zwei Tage später bin ich am Flughafen – und erlebe die eingangs erzählte Leidensgeschichte. Nachdem ich mir gut zugeredet habe, dass ich mich entweder nun während den nächsten vierzehn Stunden aufregen oder sonst eben das Beste daraus machen kann, geniesse ich den Flug in der „Holzklasse“ zuhinterst in der mittleren Bank einer Dreierreihe – ja es sitz tief! Dabei sitze ich zwischen zwei asiatischen Passagieren, die wohl gehofft hatten, den ungeliebten Mittelsitz für abwechselndes Ausstrecken nutzen zu können! Nix gewesen, das Flugzeug ist nämlich proppevoll und ich freue mich, nach über sechsmonatiger Abwesenheit auf meinen „Ferienaufenthalt“ in der Schweiz. Mein erklärtes Ziel ist es, am 29.12. auf Sylvester nach Rio zurück zu kehren, um auch mal das weltberühmte Sylvester Spektakel am Coacabana Strand hautnah mitzuerleben; und dann kommt es manchmal anders als man(n) denkt!

Ein paar abschliessende Gedanken zu Olympia:

  • Es ist tragisch, dass selbst in diesem Komitee (der alten grauen Herren!) Korruption herrscht, die bekanntlich leider teilweise bis in die Verbände hineinseucht – und dass nichts herzhaft dagegen unternommen wird.
  • Ins gleiche Kapitel fällt die leidige Geschichte des Dopings. Man weiss davon. Sportler entschuldigen sich damit – wenn sie es überhaupt zugeben – dass die anderen es auch tun und sie dadurch „gezwungen“ sind es auch zu tun? Man weiss auch, dass gewisse Spitzenleistungen in einzelnen Sportarten ohne Doping gar nicht erbracht werden könnten; man sieht es allein schon an den erstaunlich kurzen Erholungszeiten nach einem Siegesdurchlauf!? Es scheint, dass es sich einfach um ein „Gentlemensdelik“ handelt und wenn doch etwas auffliegt, war der behandelnde Arzt zu wenig gut!? Wie gehen die Sportler, die Aerzte, die Offiziellen, die Verbände, die Zuschauer …. damit um? – Die vorgeschlagene völlige Freigabe ist wohl auch nicht zielführend, wie das –ich weiss etwas extreme – Beispiel der „Drogenfreigabe“ am Platzspitz aufzeigte.
  • Über meine Erfahrungen mit dem Profi- / Amateurstatus habe ich oben geschrieben. Ich habe natürlich auch kein geeignetes Patentrezept. Der Gedanke, dass allein die Attraktivität der Sportarten durch Profis/Stars das Sponsoring und somit den Kommerz an den Olympischen Spielen rentabel machen, stört mich, aber das sind die Regeln des Spiels oder eben der Spiele!
  • Es ist auch hier offensichtlich geworden, dass die Organisation eines solchen Grossanlasses selbst eine Stadt wie Rio an den Rand des finanziellen Ruins bringt. Im Moment – da in der Schweiz erneut darüber diskutiert und schliesslich abgestimmt wird, ob die Olympischen Winterspiele wieder ein Mal in der Schweiz durchgeführt werden sollen – steht Rio vor dem Konkurs. Die Löhne der Polizisten und anderer Beamter konnten nicht mehr bezahlt werden. Es drohen Unruhen.
    Nun dies allein den Ausgaben für die Spiele (Olympia und Fussballweltmeisterschaft) zuzuschieben greift ganz eindeutig zu kurz. Rio – und andere brasilianische Staaten und Städte hätten auch so mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Da gibt es zu viele andere Gründe. Die Durchführung der Spiele hat die Problematik aber beschleunigt und verstärkt – zusammen mit einem Einbruch der Öl-/Rohstoffpreise allgemein und der damit einher gehenden wirtschaftlichen Rezession/Inflation.
    Die durchgeführten Infrastrukturarbeiten, die in einer Metropole wie Rio Sinn machen, können auch in Zukunft grösstenteils nützlich verwendet werden. Zudem verfügte Rio schon vorher über eine effiziente Infrastruktur (Polizei, Militär, Stadien, Hilfskräfte) zur Durchführung von Grossanlässen (Carnaval, Fussball WM, ganz allgemein Touristenhochburg). Wie aber sieht dies z.B. in der Schweiz aus? Gut, Rio gehört zu einem Schwellenland, aber trotzdem stelle ich mir hier die Frage wie sinnvoll eine Durchführung in einem kleinen Land ist.
    Ich bin auch der Meinung, dass sich die Investitionen und Anstrengungen langfristig für diese Stadt auszahlen werden, heute aber leidet die Bevölkerung unter diesen Prestigeobjekten, vor allem die arme!
  • Ich erhielt aber auch den Eindruck, dass die sportlichen Wettkämpfe, zumindest für die anreisenden Masse, eher zweitrangig war. Es zählte das Amüsement, die Partys und das Sehen und Gesehen werden. Auch da hat Rio, die Brasilianer, eine lange Tradition für grosse Partys. – Aber auch das hat vielen zu Jobs und Einkommen verholfen. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass viele Strassenverkäufer und innovative Kleistbetriebe aus dem Boden schossen und durchaus für das leibliche Wohl und das Vergnügen der Massen sorgte.

Ich wiederhole mich: Es war ein eindrückliches Erlebnis, das ich nicht missen möchte. Wäre ich allerdings nicht gerade „um die Ecke“ gewesen, ich hätte diesen Anlass (diese beiden Anlässe) nicht besucht. Ich bin auch gespannt, wie meine Eindrücke sind, wenn ich nach Rio zurück kehre und was von diesen Infrastrukturbauten erhalten und vor allem unterhalten bleibt.

 

Kategorie(n): Logbuch

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