Log_27_2018_ Von Parati nach Montevideo – eine Segelreise mit Tiefgang

Schon sind wieder die zwei Jahre um, die wir – nein eigentlich nur Margna – in Brasilien verbringen dürfen. Für mich gilt die „3-Monatesregel“ – wie für alle Europäer: Drei Monate im Land, drei Monat ausserhalb des Landes. (Es gibt anscheinend eine legale Möglichkeit, mittels eines Visum-Antrages eine längere Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen – oder dann eben als Pensionär, aber ohne Schiff unter ausländischer Flagge.) Margna’s Zeit ist jetzt abgelaufen. Früher zählten die Monate bei denen ein Schiff unter Zollverschluss stand nicht für die Gesamtlaufzeit. Dadurch verdoppelte sich die Zweijahresperiode. Damit ist aber offiziell Schluss. Es darf schon als Vorteil betrachtet werden, dass das Schiff nicht ebenfalls bei Ablauf des persönlichen Visums, an welches die zollfreie Fahrtengenehmigung gekoppelt ist, das Land ebenfalls verlassen muss. Ein Besuch der über 7000 km langen Küste Brasiliens wäre unter solchen Umständen sinnlos.

Also stellte sich mir wieder mal die Frage: Wohin? Es gibt für mich zwei Möglichkeiten: Nach Norden und somit grundsätzlich in die Karibik – oder dann nach Süden nach Uruguay/Argentinien – zu Beispiel auf dem Weg zum Kap Horn. Ich hatte diese Strecke vor vier Jahren, von Joao Pessoa kommend, abgesegelt. Vor zwei Jahren dann beim zurück segeln in die Traumbucht von Ilha Grande / Parati konnte ich meine Erfahrung mit dieser nicht ganz unproblematischen Küste vertiefen. Auch aufgrund der sehr schönen Erinnerungen an Montevideo, den Uruguay Yacht Club – der mich inzwischen effektiv als temporäres Mitglied aufgenommen hat – und die Möglichkeit, meine Freunde Manette und Jacques wieder auf deren Ranch zu besuchen, macht es mir leicht, den Entscheid zu fällen. Die Karibik kann all diese positiven Aspekte für mich nicht aufwiegen.

Mein früherer Arbeitskollege Philippe, der inzwischen auch pensioniert ist, ist selber Hochseesegler. Ich offerierte ihm auf seine Pensionierung hin, eine Wegstrecke mit mir zu segeln. Eigentlich war das vor zwei Jahren eingeplant gewesen; damals mussten wir es allerdings kurzfristig annullieren. Jetzt freut er sich auf eine für ihn unbekannte Strecke. Dass er dabei einen neuen Kontinent, verschiedene Länder und vor allem Rio de Janeiro kennen lernt, macht alles noch viel attraktiver.

Gisela will ebenfalls mit auf diese Wegstrecke. Sie hat vor, ihre erworbenen Binnensee Kenntnisse auf dem Meer zu testen, aber vor allem selber erleben, was mich an diesem Leben auf See so fasziniert. Auch sie ist neugierig und interessiert, Neues zu entdecken. Siehe dazu ihre Beitrag unter „Fotoalbum: Impressionen vom „Landei mit Hund und Chatz“.

Wir alle treffen uns in Rio. Ich zeige ihnen „meine“ Stadt und dann reisen wir nach Parati, Marina Engenho, wo Margna, bereits vorbereitet, wartet. Wir treffen die allerletzten Vorbereitungen gemeinsam: Notwendige Checks- v.a. Mast, auffüllen von Wasser und Diesel, Einkaufen etc.

 

Dann kommt der Moment der „Beamtengänge“ – wie ich das nenne. Da wir das Land vermutlich im südlichsten Hafen, in Rio Grande, verlassen werden, brauchen wir nicht zum Zoll nach Angra dos Reis; die Fahrtengenehmigung reicht bis über das persönliche Visum hinaus. Die notwendige Aufenthaltsgenehmigung für drei Monate Aufenthalt in Brasilien habe wir alle bei der Einreise ohne Probleme erhalten. Also auch kein Gang zur Einwanderungsbehörde in Angra dos Reis. Wir können uns einfach bei der Zweigstelle der Hafenbehörde in Parati selber abmelden.

(Wenn man hier in Parati einklarieren will, muss man zuerst in Angra dos Reis Immigration und Zoll aufsuchen. Dies kann per Bus von Parati aus gemacht werden.(ca. 120km = zwei Stunden Busfahrt) Grundsätzlich kann man, wenn man schon mal dort ist, natürlich auch gleich die Hafenbehörde besuchen, muss aber nicht aufgrund der Zweigstelle Parati.)

 

26.-30.3.18_Parati – Ankerbucht Ilha Grande – Itajai

Wir sind startklar und verabschieden uns von den Mitarbeitern der Marina. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass es mir auch dieses Mal wieder unendlich schwer fällt, habe ich doch ein fast freundschaftliches Verhältnis zu Luiz, dem Chef der Marina und seiner Frau Talita aufgebaut. Dies ist ein Ort, wo ich mir hätte vorstellen können, mit Margna definitiv vor Anker zu gehen, wenn nur die Bestimmungen nicht so einschränkend wären und die Distanz zur Heimat so gross. Einen so traumhaften Ort in Mitten einer intakten und von Schönheit strotzenden Natur, aber zugleich in Reichweite von zwei so attraktiven Metropolen wie Rio und – ja auch – Sao Paulo, findet man nicht so leicht auf dieser Welt. Für mich hat alles gestimmt.

Wir lösen die Leinen und gleiten in die Bucht. Zum Angewöhnen und um nicht stressen zu müssen hatten wir beschlossen, am Ausgang der Bucht an einer geschützten Stelle zu übernachten und erst am anderen Morgen früh in See zu stechen. Die meteorologischen Daten sind für drei Tage günstig, mit positiver Tendenz für die weiteren zwei bis drei. Eine altbewährte Formel auf dieser Strecke. Für diesen Küstenabschnitt zu dieser Jahreszeit gilt, die eigentlich vorherrschenden Wind- und Strömungstendenzen nach Süden auszunutzen und rechtzeitig von den bereits herannahenden Herbstfronten aus Süden in Deckung zu gehen. Grundsätzlich ist dies um diese Jahreszeit ein berechenbares Unterfangen, das einem aber an einzelnen Orten länger als geplant blockiren kann. Besser und auch schneller wäre es, diesen Abschnitt früher im Jahr, also Januar-März – nach Süden – zu besegeln. Dann sind die Passatwinde stärker und verlässlicher. Aber erstens konnten die beiden nicht früher – ich auch nicht, weil ich ja in Rio mit Hans am Carnaval war – und zweitens wollte ich eher moderate Windverhältnisse für Gisela’s Einstieg in die Hochseeseglei. Philippe andererseits hätte wohl etwas mehr „musclé“ ertragen.

Aber einmal mehr, der Faktor Zeit ist matchentscheidend. Gisela und ich haben genügend Reserven; Philippe hat nur ein Zeitfenster von vier Wochen. Eine Woche haben wir für Sightseeing in Rio und Parati gebraucht. Es war aber ganz in Philipp’s Sinn, diese wunderschönen Orte besser kennen zu lernen. Er ist nicht den weiten Weg gekommen, um „Meilen zu fressen“. Wir haben eine übereinstimmende Segel- und Reisephilosophie. Sollte es in drei Wochen nicht reichen, nimmt er von wo auch immer ein anderes Transportmittel, um seinen gebuchten Flug ab Rio zu erreichen.

Jetzt geniessen wir einen trauhaften Nachmittag/Abend in der geschützten Bucht. Schwimmen im glasklaren Wasser und essen gemütlich im Cockpit mit Blick auf die sattgrünen Hügel. – Es wird das einzige Bad auf der Reise sein, was für Gisela eine Überraschung ist: Auf dem Wasser unterwegs sein und man geht nicht schwimmen! Sie versteht heute die Gründe. Es ist ein stimmiger Abschluss unseres Aufenthaltes in der weitläufigen Bucht von Ilha Grande.

Um 08:00h heben wir den Anker aus dem gut fassenden Grund und nehmen Kurs auf das offene Meer. Heute sollten wir moderaten Wind aus NE haben – am Dienstag eine leichte Tendenz aus S, jedoch Mi-Fr wieder aus Nord.

So bald wir die schützende Bucht verlassen spüren wir die Dünung. Mit nur wenig Wind müssen wir mit dem Motor unterstützen. Schon früher als erwartet setzt dann die südliche Tendenz des Windes ein. Es wird eine mühsame Nacht – gewitterhaft mit wechselnden Winden. Wir kommen nicht vorwärts. Nachdem wir am Morgen erst am südlichen Zipfel von Ilha Bela sind – auch einer wunderschönen Destination – machen wir verschiedene Versuche, segelnd vorwärts zu kommen. Der Wind ist zu schwach und zu drehend, als dass wir wirklich nach Süden vorwärts kommen. Es ist zum verzweifeln. Ich beschliesse, Santos anzulegen und dort auf die stabileren NE Winde, die für Mittwoch bis Freitag angesagt sind, zu warten.

Doch auf halbem Weg in der Nacht auf Dienstag dreht der Wind auf Ost und obwohl in der zweiten Nachthälfte nochmals unstet drehend, beschliessen wir auf Kurs Süd zu gehen, notfalls mit Motor. Das tun wir dann auch und kommen recht gut vorwärts mit regem Segelwechsel und Motorunterstützung. (Genua muss oft eingerollt werden, wenn die Winde zu schwach, drehend sind oder ungünstige Dünung läuft.

 

 

Tags darauf hat Gisela ihren Geburtstag. Eigentlich war die Planung so, dass wir zu dem Zeitpunkt in Itajai sind und im dortigen Hafenrestaurant bei Sushi gebührend feiern. Aber eben, manchmal kommt es anders als geplant. Die jetzt angenehmen Verhältnisse (kaum Wellen) lassen den zu leichten Wind verschmerzen. Zumindest weht er aus der richtigen Richtung! So können wir gemütlich im Cockpit ein Geburtstagsfrühstück geniessen mit ohne Champagner. Selbst ein richtiges leckeres Nachtessen liegt gegen Abend drin. So hat jeder Nachteil auch seine positive Seite!

Zwei Mal sind wir auf Kollisionskurs auf der vielbefahrenen Route entlang der Südamerikanischen Küste. Beide Male klärt ein frühzeitiger Funkspruch die Lage; wir können unseren Kurs beibehalten. Wir segeln am Rand der Grossschifffahrtsroute, damit wir die vielen Fischerboote vermeiden.

Die Ankuft ist garstig. Morgens um halb fünf können wir Itajai unter Regenwolken ausmachen. Wenigstens hat es keine Nebelbank wie vor zwei Jahren. Die sitzt hier oft direkt vor der Einfahrt. Aber der Wind mit bis zu 25 kn ist unstet wechselnd. Um viertel nach sechs laufen wir in die nicht ganz unproblematische Hafen- und kurz darauf Marinaeinfahrt ein. Es hat sich allerdings schon wieder einiges verbessert. Die Marinaeinfahrt auf Backbord Seite, ungefähr 300m nach der Hafeneinfahrt, kann ich jetzt besser ausmachen. Durch die links und rechts sichtbaren Untiefen (gut betonnt) schlängeln wir uns zur Marina, werden mit dem Dinghy begrüsst und legen an der Tankstelle an. Total füllen wir 268l Diesel, was einen Durchschnittsverbrauch von ungefähr 3.3 l/h entspricht. Dann werden wir von den Marineros an die Aussenmole verwiesen, weil wir so schnell wie möglich weiter wollen. Für uns heisst das in ein paar Tagen, wenn die Windverhältnisse für die nächste anspruchsvollere und längere Distanz optimal sind. Für sie heisst das, innert Stunden spätestens am anderen Tag. Ein Missverständnis auf Grund von Kommunikationsproblemen. Das stellt sich heraus, als ich mich im Marina Büro melde. Wir sollen an den Ponton B. Es gibt ein paar Wirren bis ich – etwas müde und hungrig auf ein rechtes Frühstück – insistiere, dass dies sofort geschehen soll. Es hat in der Marina einige personelle Veränderungen gegeben und nicht zum Besten. Es fehlt, meines Erachtens, der höchst professionelle und kundenorientierte Roberto. Aber vielleicht war er auch für die Lokalen zu anspruchsvoll und für die gutbetuchte Motorbootkundschaft zu direkt. Er verstand aber den angestrebten Standard der Marina und forderte entsprechend. (Siehe dazu meinen Bericht über die Marina Itajai vor zwei Jahren).

Die Marina Itajai bietet alle Möglichkeiten auch für grössere Reparaturen. Die Krangebühr (ich wollte Margna kurz aus dem Wasser heben, um das Unterwasserschiff zu begutachten; ich hatte es bloss tauchend in der Bucht von Parati gemacht), die man mir jedoch angibt finde ich übertrieben. Es scheint, dass man mit der Servicequalität etwas zurück gefahren ist, dafür aber mit den Kosten langsam hoch fährt. Pro Tag bezahlen wir Reais 220. (ungefähr CHF 65!). Das ist hoch. Sie haben aber immer noch ein Rabatt System, wonach man weniger bezahlt, je länger man bleibt. Wir wollen aber nicht wie das letzte Mal Wochen bleiben, sondern so rasch wie möglich weiter. Zwei anspruchsvolle Etappen erwarten uns noch und Philippe muss am Montag 16.4. seinen Flug in Montevideo nehmen.

Die Windprognosen sind allerdings für die kommenden Tage nicht günstig. So geniessen wir im Hafenrestaurant das fantastische Sushi. Hier hat die Qualität nicht nachgelassen und die Preise für die angebotenen Köstlichkeiten sind weiterhin vernünftig. Es braucht allerdings immer noch Überwindung, durch das doch gestylte Restaurant zu den Duschen zu gehen, wo sich auch gleichzeitig die WC’s für die Gäste des Restaurants befinden. Aber wen stört’s?

Wenn wir schon hier warten müssen, können wir auch das nahe gelegene Blumenau besuchen. Ein Deutsch geprägter Ort mit einem Biergarten wie in Bayern und dem nach München zweitgrössten Oktoberfest! Jetzt ist es allerdings recht ruhig und zu meinem Erstaunen sehr warm. Da tut ein kühles Mass Bier gut – und Gisela fährt! – aber ich lasse mir, zum Erstaunen meiner Mitreisenden, eine typische Mahlzeit mit Eisbein und Sauerkraut nicht nehmen. Was sein muss muss sein!

Und dann haben wir noch das Glück, dass ein Tag vor unserer Abreise die beiden ersten Boote des Volvo Ocean Race in Itajai eintreffen. Sie verliessen Neuseeland und nach einer Etappe dieser Länge treffen die beiden ersten Boote mit einer Zeitdifferenz von 15 Minuten ein!

Toll ist, dass ich auch wieder auf meine Stegnachbarn von Parati vor zwei Jahren stosse. Tina und Chico. Ich wusste, dass er sich als Lotse in Itajai beworben hatte. Bei der Einfahrt in den Hafen sah ich auch schon ihr sehr gepflegtes Boot am Steg liegen. Sie kommen am letzten Abend spontan vorbei und bringen wunderbare essbare Geschenke zum Abschied. Schade, dass sie und wir nicht mehr Zeit haben.

 

5.- 8.4.18_ Itajai – Rio Grande, im Staate Rio Grande do Sul

Wir wollen nicht länger warten, obwohl für die ersten beiden Tage wenig Wind angesagt ist. Das bedeutet Motorsegeln. Danach wird es besser mit 15 – 20 kn. Selbst die weiteren Aussichten bis Dienstag sind gut. Also los. Ohne Philippe’s Flug, hätten wir wohl noch zwei Tage gewartet. In dieser Situation besteht allerdings keine Gefahr, früher los zu segeln. Es ist wenig Wind angesagt. Umgekehrt wäre prekärer. Wichtig ist auch auf dieser Etappe, dass keine Überraschung passiert mit Wind aus Süd. Schlimm wäre noch der gefürchtete Südoster, der einem auf die Küste drückt, die nach Florianapolis respektive der Ilha de Santa Catarina auf über 300 sm keinen wirklichen Schutz, sprich Hafen oder sichere Bucht – mit Ausnahme des industriellen Hafens von Imbituba – bietet. Man müsste sich, mit sicherem Abstand von der Küste, zurück blasen lassen. Auf dieser Strecke mag ich auch das Cabo de Santa Marta nicht besonders. Es ist überhaupt nicht gefährlich, aber ich hatte hier schon zwei Mal unangenehme Windverhältnisse erlebt, die Zeitverzögerungen und Frust bedeuteten. Und schliesslich ist die Einfahrt in den Industrie-Hafen-Kanal von Rio Grande bei ungünstigen Wind / Tide Verhältnissen ungemütlich bis gefährlich. Ein gutes Timing ist unerlässlich. Ich überlege mir sogar, ob wir nicht bereits in Itajai definitiv ausklarieren (Immigration / Zoll und natürlich Hafenbehörden) und nur im Notfall Rio Grande anlaufen. Aber dann hätten wir eine Stecke von über 600 sm Nonstop – nur um einen Flug zu erreichen? Und der Yacht Club von Rio Grande ist so etwas von gemütlich und der Ort selber so speziell, dass ich das meinen beiden Mitreisenden zeigen möchte. Zudem finde ich, dass sich hier die freundlichsten und zuvorkommendsten Behörden befinden. Ein Etappenziel nach drei Tagen tut zudem gut und der Industriehafen, den man in seiner ganzen Länge (über 10 sm) durchfährt ist sehr eindrücklich und spannend.

Der Start erfolgt bei schönem Sonnenschein und gibt einen eindrücklichen Blick frei auf die Küstenorte Itajai und gleich angrenzend, Balneario Camboriu, das südliche Rio mit seiner Copacabana. (Die richtige ist meines Erachtens schöner. Das Original wird aber getoppt – ohne dass das offiziell wäre- durch die Standpromenade von Santos!)

Gegen späteren Nachmittag gehen heftige Gewitter nieder, allerdings ohne die gefürchteten bösartigen Böen. Wir passieren die Insel Santa Catarina mit Florianapolis, ein durchaus lohnenswerter Zwischenstopp. Es hat allerdings den Nachteil, dass wenn man in die Bucht – sei es von Süden oder Norden – von Florianapolis mit einem höheren Mast als +/- 18m einläuft, man nicht unter der Brücke durchkommt und deshalb den gleichen Weg wieder zurück muss. (s. dazu meinen Bericht vor vier Jahren). Diese Mal passieren wir das Cabo Santa Marta ohne Probleme. Danach setzt endlich auch der moderate SE Wind ein. Wir geniessen das Segeln. Ein auf Kollisionskurs entgegenkommender Frachter, der unvollständige (ohne Namen) Angaben im AIS (dem Identifikationssystem für Grossschiffe) erfasst hat, antwortet auf meine verschiedenen Aufrufe nicht. Da kommt mir ein anderes Frachtschiff spontan zu Hilfe. Es identifiziert meinen potentiellen Kollisionspartner mit Namen und fordert diesen auf, mir zu antworten. Nach nochmals ein paar Minuten – und somit kostbaren Seemeilen – meldet sich der Kapitän etwas verschlafen wie mir scheint aber korrekt. Dann sind die fehlenden Angaben plötzlich ersichtlich und die Kurskorrektur erfolgt anstandslos. Vermutlich war da ein der englischen Sprache nicht kundiger Ausguck auf der Brücke. Nach dieser Aufregung gibt’s Apéro im Cockpit, Gin Tonic ohne Gin!, und dann ein feines Nachtessen trotz flotter Fahrt. Die Verhältnisse sind wie sie sein sollten – oder sind einfach diese 20%, die das Segeln so segelnswert machen.

Wir hätten aber wiederum die alte Regel befolgen sollen, trotz bester Verhältnisse und Aussichten bei Nachteinbruch ein weiteres Reff einzubinden. Nicht dass es problematisch wird, die Verhältnisse sind zu gut, aber um Mitternacht (warum immer mitten in der Nacht?) setzt der Wind zu und wird herausfordernd für ein paar Stunden. Vor allem für den Autopiloten, aber auch für die Mannschaft. Gegen Morgen dann beruhigt es sich wieder, aber die Windwellen stehen nun plötzlich gegen aus Süden laufende Dünung. Ungemütlich! Der Autopilot mag nicht mehr. Beim Testen und checken stellen wir fest, dass er Hydrauliköl verliert – verloren hat. Tja, das bedeutet nun die verbleibenden 130 Seemeilen von Hand steuern zu müssen, denn einen Ersatzhydraulikschlauch habe ich nicht … und Öl, wie ich mit Erstaunen feststelle, auch nicht. (Die Hydraulik-Hebevorrichtung für Schwert und Ruder läuft mit Frostschutz!) Es hat aber durchaus auch etwas Gutes: Erstens sehen wir, welchen Luxus wir mit dem Autopiloten geniessen. Und zweitens hätte ich das Hydrauliköl ohnehin mal wechseln sollen; so ist das getan.

So teilen wir die Wache ein, dass jeder für zwei Stunden steuert, also gut etwa 10 sm. Während dieser Zeit schläft der Ersatz im Cockpit. Die dritte Crew ruht sich unten im Carré ausruht. Jeder kommt so locker auf vier Stunden Schlaf. Jetzt ist es doch ein grosser Vorteil, dass wir nicht nur zu zweit unterwegs ist – aber auch das geht! Weiter ist interessant, wenn man auf dem Kartenplotter die Route nachvollzieht, wie unterschiedlich „gut“ gesteuert wird. Ist es dabei überraschend, dass Gisela den „saubersten“ Kurs hin legt, selbst wenn sie manchmal mit den Füssen steuert?!

Trotz des günstigen Windes gegen Ende der Etappe werden wir die Ansteuerungsboje Rio Grande erst gegen 17:00 h erreichen. Das reicht dann nicht mehr, ab Moleanfang bis zur Marina, bei Tageslicht anzukommen. „On verrat out ça“ wenn wir denn mal eingangs Hafen sind. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Margna im Vorhafen, ausserhalb des Schifffahrtskanals ankert.

Bei der Ansteuerungstonne macht die Dünung aus Süd, die Windwellen aus Südost und der Tidestrom des Hafens, respektive der dahinter liegenden riesigen Lagune, die bis Porto Alegre reicht, ein wildes Gemisch. Wie sollen wir da einfahren – mit noch knapp 1 kn Fahrt über Grund! Wir folgen einem Fischer. Das macht Sinn. Nach ungefähr einer Stunde sind wir im Kanal und kommen etwas zügiger voran. Ein eindrücklicher Beweis, dass diese Einfahrt bei einem starken Südoster und ablaufender hoher Tide tödlich sein kann und von den Hafenbehörden selbst für die Grossschiffahrt gesperrt wird.

Es dunkelt ein. Trotzdem entscheiden wir, bis zur Marina hoch zu fahren. Ich kenne diesen Hafen von drei Ein- und Ausfahrten nun genügend gut und meine Tracks sind verlässlich aufgezeichnet. Ohne diese wäre es fahrlässig, dies zu tun. Die Lichter der Fahrwassertonnen gehen im Lichtermeer dieses 24h aktiven Hafens unter. Philippe übernimmt das Ruder, unterstützt von einem zusätzlichen Paar Augen, aber auch mit kräftiger moralische Unterstützung von Gisela. Während dessen vergleiche ich unten im Dunkeln unseren Kurs mit den aufgezeichneten Tracks. Ein interessantes Zusammenspiel, das auf enormem gegenseitigem Vertrauen basiert. …und dann kommt uns noch ein grosses Fischerboot völlig unbeleuchtet entgegen! Ob er uns bei all den Lichtern gesehen hat? Unser Topplicht bestimmt auch nicht!

Bis zur Abzweigung vom Hauptkanal geht alles recht gut. Dann wird’s kritisch, dunkel mit ungemütlichen Untiefen auf Steuerbordseite. (Je nach Navigationsprogramm fährt man über Land!) Wir schaffen das! Philippe und Gisela mit vollem Vertrauen auf meine Ansagen steuern geschickt durchs Dunkel. Dann der Abbieger zum Ort selber, wo die grüne Tonne – ich weiss das – an Land steht! Sie ist aber unbeleuchtet! Es scheint mir, der Kanal wurde für die Fähre und die Fischer neu ausgebaggert. Und wieder sehen wir praktisch nichts. Als wir uns der unbeleuchteten Marina mit einem noch engeren Einfahrtskanal nähern – wir hätten auch beim Museum festmachen können, aber da waren schon zwei Boote, – stelle ich fest, dass Margna kein Wasser mehr unter dem Bauch hat. Scharf schrammen wir an der unbeleuchteten Ansteuerungstonne vorbei und vor uns liegt die Marina – zu unübersichtlich für Philippe. Ich übernehme das Steuer. Wir haben, unüblicher Weise, weder Festmacher noch Fender bereit. Aber hier kann ich das verantworten. Total windgeschützte Marina mit Festmacherpfosten bei jedem Hafenplatz. Der Platz den ich schon zwei Mal angesteuert hatte ist immer noch – oder wieder frei. Los hinein! Gisela steht auf dem Bug, bereit auf den Ponton zu springen mit einer Leine in der Hand. Philippe ist bereit einen der Festmacherpfosten zu angeln. Wir fahren rein … und stehen! In aller Ruhe können wir festmachen und ich bin einmal mehr froh, dass ich kein klassisches Kielboot habe. Aus Erfahrung des ersten Mals habe ich allerdings schon vorsorglich die Sicherungen des Kiels und des Ruders aktiviert. Kiel und Ruder sind bereits oben! Es ist 21:00h. Der Adrenalinspiegel ist bei allen hoch und am Ponton steht eine hilfreiche Seele, die die Leinen von Gisela entgegen nimmt. Ich erkundige mich, ob er vom Club sei? Nein, er sei ein Uber Fahrer und wäre grad per Zufall hier gewesen. Wenn wir zu Zoll/Immigration und Hafenbehörde fahren müssten – er würde uns morgen fahren. Wow! Darauf genehmigen wir uns einen Anlegertrunk der beruhigt und legen uns dann in die Kojen. Wieder mal angekommen!

Am nächsten Tag fahren wir mit William, so heisst unser Uber Fahrer, zu den Behörden. Problemlos wie immer und hochprofessionell werden wir einklariert.

Dann gilt es das Problem mit dem Autopiloten zu lösen. Schon am Morgen spreche ich mit einem Bootsnachbarn. Auf meine entsprechende Frage nach einem Spezialisten nimmt er sein Mobiltelefon und ruft einen Bekannten an. Am Nachmittag komme er vorbei: Spezialist für Furuno! (Das ist ein grosser Vorteil von Rio Grande mit dem grossen kommerziellen Hafen. Spezialisten sind vor Ort.) Als er am Nachmittag am Bug steht erkenne ich ihn sofort: Jorge Endo, Electônica Naval, ein Bekannter, der mir schon ein Mal mit dem Autopiloten Check geholfen hatte. Ein freudiges Wiedersehen! Wir haben aber auch gemeinsame Bekannte: Nicolas und Heidi sowie Luis und Marli. Klein ist die Welt.

Er nimmt die Sache sofort an die Hand. Er weiss natrürlich, wo man die richtigen Schläuche bekommt und auch das Hydraulik Oel. Ich hätte es wahrscheinlich irgendwie auch herausgefunden – aber es hätte Tage gedauert und zuerst hätt ich mit meinem Portugiesisch vermutlich Salatöl bekommen. Am Abend – des gleichen Tages! – ist alles geflickt und gecheckt. Ein Profi, sehr bescheiden und liebenswürdig. Das sind positive Erlebnisse!

Wir beobachten die Windprognosen. Für Freitag sieht es gut aus. Wir wären spätestens Sonntag in Montevideo und Philippe könnte am Montag auf den Flieger. Wir melden uns schon mal bei den drei Stellen ab. Damit haben wir zoll- und immigrationstechnisch Brasilien verlassen! – Dann verzögert sich allerdings das Eintreffen des Windes aus Nord. Nichts zu machen am Freitag, frühestens Samstag. Die Strecke ist zwar in zwei Tagen zu schaffen. Schon zwei Mal gemacht, aber … Wir beschliessen schweren Herzens, dass Philippe entweder direkt nach Rio fliegt oder aber mit dem Bus nach Montevideo. Und da stellt sich ein kleines aber gewichtiges Problem: Er ist bereits ausgecheckt aus Brasilien. Hat den Ausreisestempel im Pass. Also nochmals zurück zur Immigration. Kein Problem mit diesem Problem. Aber der freundliche Beamte hat eins mit dem Passwort für seinen Computer, das wir erst falsch deuten. Er ist der Verzweiflung nahe – wir auch, weil wir nicht wissen, ob es unser Problem ist. Da kommt eine Assistentin und die Ausreise von Philippe ist annulliert und der entsprechende Stempel im Pass! So einfach kann das gehen, wenn alles stimmt und der Beamte – und der Computer! – will.

Wir geniessen noch ein letztes gemeinsames Nachtessen an Bord und beschliessen, am Morgen los zu segeln, denn das Wetterfenster ist nicht sooo weit offen. Philippe wird mit William am Abend zum Busbahnhof fahren und dort den Bus nach Montevideo nehmen. Ich gebe ihm für den Sonntag die Adresse des Mercado – er liebt Rindfleisch – und eine Hoteladresse in dessen Nähe. Tschau Philippe, es war toll dich an Bord zu haben. Du warst eine grosse Hilfe und zwar nicht nur beim Abwasch!

Natürlich haben wir auch über eine Flugverschiebung auf den darauffolgenden Freitag gesprochen. (Diese Fluggesellschaft fliegt nur zwei Mal die Woche.) Philippe hatte aber seine Rückkehr auf dieses Datum versprochen. Da ist verständlicherweise nichts zu machen. Ihm hätte die Seereise nach Montevideo gefallen. Sie ist etwas „musclé“, wie er zu sagen pflegte. Ärgerlich war dann aber, dass er wohl zeitgerecht in Rio ankam. Sein Weiterflug wurde erst aufgeschoben und dann annulliert. So „musste“ er bis Donnerstag ausharren (in einem bezahlten ****Hotel im Zentrum Rio’s!) und ist dann via Portugal in die Schweiz gereist. Natürlich zu spät, aber mit stichfester Begründung.

14.4.-16.4.18_Eine Traumfahrt nach Montevideo – es hätte gereicht!

Philippe hilft uns noch die Leinen los zu machen. Wir pflügen uns aus dem Sumpf, so wie es die Kielboote mit 1.80m Tiefgang auch machen. Gisela steuert Margna dann gekonnt durch die Hafenanlage. Wir setzen die Segel und laufen aus. Wieder wühlt es uns durcheinander trotz sorgfältiger Tideberechnung. Die Kreuzsee besteht immer noch und schlägt auf den Magen. Aber es geht dank günstigem Wind zügig Richtung Uruguay. In der Nacht lösen wir uns alle drei Stunden ab. (William unser Uber Fahrer ist selber auch Segler. Er anerbot sich, mit uns nach Montevideo zu segeln. Ich kenne ihn aber zu wenig und weiss, dass ich mit Gisela diese Etappe alleine schaffe.) Der Wind bläst konstant und wir erreichen Chui, die Grenze zu Uruguay, am Sonntagmorgen.

Montagmorgen um 04:20h haben wir Punta del Este quer ab. Würden wir anlegen, könnte Philippe ein Taxi zum Flughafen von Montevideo nehmen (knapp eine Stunde) und wäre so rechtzeitig auf seinem Flug. Das wäre Gambling auf hohem Niveau gewesen und liegt nicht in unserer Natur.

Wir erreichen den YCU, Yacht Club Uruguayo, am frühen Nachmittag – fliegt da nicht das Flugzeug über uns hinweg, das Philippe bestieg? Auf meinen Aufruf, vor und im Hafen selber: Keine Antwort – wie üblich. Also steuere ich einen freien Hafenplatz am Wunschsteg an und habe dasselbe Feeling wie in Rio Grande. Margna steht! Das überrascht mich. Das ist aber auch der Grund, weshalb der Platz frei ist. Zuerst heisst es, wir könnten bleiben, dann werden wir an den dritten Steg bemüht, mein früherer Platz. Nach einigem Insistieren und Rückfragen mit der Clubleitung erhalte ich einen etwas besser gelegenen Platz. Man versichert mir auch, dass während meiner Abwesenheit gut auf Margna aufgepasst werde. Ich brauche Bernie nicht zu bemühen. Ja, er ist immer noch da, allerdings nicht mehr mit seinem Unterhalts-Container.

Es war ein spannender Segelabschnitt mit zwei unterschiedlichen Crewmitgliedern, die aber sehr viele wertvolle Gemeinsamkeiten vereinen und sich hervorragend ergänzten. Wir waren ein gutes Team. Es hat alles gestimmt. Nicht selbstverständlich.

 

Kategorie(n): Logbuch

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