Log_28_Juni 2018_ Das war’s dann!

“Das war’s dann”

Dies ist eine Aussage die ich zusammen mit ein paar begleitenden Überlegungen auf dem Weg von Rio Grande do Sul nach Montevideo auf einem Stück Papier kritzle.

Die Überschrift allein tönt so ziemlich absolut. Es brauchte deshalb eine ganze Weile, bis ich meine Gedanken fürs Logbuch so ausformuliert hatte, dass sie stimmen. Nicht die Konsequenz dieser Aussage beschäftigt mich, sondern das richtige Verständnis für meine Überlegungen für den interessierten Leser.

Unsere gemeinsame Seereise nämlich, zusammen mit Philippe und Gisela, hat mich zum Festhalten der nachfolgenden Gedanken bewogen. Nicht dass diese nicht schon lange in meinem Kopf herumschwirrten. Sie haben sich durch diese Reise nur verfestigt.

Vom Seemännischen her gesehen, haben meine beiden Begleiter recht unterschiedlich Voraussetzungen. Philippe, ein früherer Arbeitskollege von mir, ist Hochseesegler und –tauglich. Sein Wunsch war es, nach seiner Pensionierung, das klassische Hochseesegeln mit mehrnächtlichem Unterwegssein zu erleben. Gisela auf der anderen Seite hatte bisher mit Segeln so ziemlich nichts am Hut. Sie ist durch unsere Bekanntschaft aber neugierig geworden, wie ich die letzten zehn Jahre verbracht hatte und was ich daran so faszinierend finde – was mir dieses Leben bedeutet. Zu diesem Zweck hat sie innert kürzester Zeit den Binnenseeschein erworben und sich für diese nicht gerade als „Barfuss-Route“ definierte Seereise interessiert.

Vorweg kann ich gleich mal festhalten, dass die Kombination besser nicht hätte sein können. Der gemeinsame Nenner der beiden: Neugier, Interesse und auch ein bisschen Lust auf Abenteuer. Wir hatten eine tolle Zeit. Dies zeigt sich auch in den Foto Alben: „Impressionen vom „Landei mit Hund und Chatz“ und meiner Zusammenstellung von Eindrücken unter: „Eine Seereise mit Tiefgang“.

Wer nun voreilig zur Konklusion eilt, dass bei meinem Entscheid Gisela einen bestimmende Einfluss geltend macht, liegt falsch. Natürlich spielt es eine Rolle, wenn in einer Beziehung dieselbe Leidenschaft für einen Lebensstil nicht von beiden gleich ge – und erlebt wird. Dabei ist die Betonung auf „nicht gleich“. So lange diese Leidenschaft nicht völlig ignoriert oder gar abgelehnt wird finden sich immer Kompromisse. Und mit Gisela’s Interesse an meiner Lebensweise ist ersichtlich, dass nicht sie der Hauptgrund meiner Entscheidung ist. Sie machte auch von Anfang klar, dass sie mich niemals davon abhalten würde, weiterhin so zu leben, wie ich dies – vor allem in den letzten fünf Jahren – getan hatte: Während längeren Zeitabschnitten segelnd vagabundieren, um dann immer wieder in die Schweiz/ nach Europa zurück zu kehren. – Ich andererseits machte schon vor diesem gemeinsamen Abenteuer klar, dass ich nun zehn Jahre unterwegs bin, eigentlich schon mindestens zwei Mal hätte die Erde umsegeln können, dies nie zuvorderst auf der Prioritätenliste stand und ich deshalb heute jederzeit damit aufhören könnte – „no regrets.“ Eine klare Ausgangslage.

Warum ich das so frei und detailliert niederschreibe? Ich habe auf verschiedenen Blogs von anderen Seeglerpaaren Hinweise gelesen, die mich vermuten liessen, dass ähnliche Überlegungen im Raume standen oder stehen. Manchmal werden dann Lösungen gefunden, die beiden Wünschen entgegen kommen. Manchmal aber zerbricht eine Beziehung auch daran, dass kein befriedigender Kompromiss gefunden werden kann; eigentlich schade. Ich habe aus solchen Erzählungen verschiedentlich meine eigene Lebensphilosophie hinterfragt und auch manchmal angepasst. Vielleicht hilft deshalb mein Beispiel in einer schwierigen Paar-Situation, mögliche Lösungsansätze in Erwägung zu ziehen; wobei es sich ja nicht zwingend ums Segeln handeln muss.

Ja, und dann hat Gisela meine 80:20 Theorie fürs Segeln hinterfragt. (80% ist Arbeit und 20% sind pure Freude! Man lese in meinen aber auch anderen Segler Blogs nach. So falsch ist die Formel nicht) Sie machte pragmatischen geltend, dass ihrer Ansicht nach 20% Freude für ein reines Hobby doch etwas wenig sei. Mein Hinweis, dass Arbeit auch Freude sein kann liess sie einfach mal so stehen und ich wiederum hinterfrage meine bisherige Ansicht unter dieser Bemerkung.

Und Philippe, was ist seine Rolle in meinen Überlegungen? Nun, er hat viel Erfahrung mit Männertörns, die schwergewichtig der Kameradschaft und des gemeinsamen Geniessens dienten. Er sagte auch gleich zu Beginn, dass zum Beispiel eine Transatlantiküberquerung für ihn nie in Frage käme. So sehr er das Segeln, auf einem Binnensee oder dem Meer geniesst, „nur“ Segeln, des Segelns Willen war nie sein Ding. Irgendwie gleicht das doch eigentlich dem, was ich bisher tat, mit Ausnahme der Atlantiküberquerung.

Diese Aussagen sind dann auch ein weiterer Grund, weshalb wir als Crew bestens zusammen funktionieren. Alle sehen das Segeln als faszinierendes Transportmittel, um an eine neue Destination zu gelangen, wo man Neues entdecken und erleben kann. Wir haben diese Philosophie gelebt, indem wir an den mir bekannten Zwischenstopps auf dem Weg nach Montevideo gemeinsam Zeit verbringen und tolle Momente an Land erleben, die wir dann auf See in Ruhe verarbeiten. Dies sorgt auch für Sicherheit, denn wir lassen uns nicht hetzen, wenngleich Philippe in Montevideo ein Flugzeug zurück in die Schweiz nehmen muss, während Gisela und ich noch über zusätzlich Reservewochen verfügen. Aber auch in dieser Frage haben wir volle Übereinstimmung: Wenn die Zeit nicht reicht, nimmt Philippe ein anderes Transportmittel, um seinen Flug erreichen zu können – was er schliesslich dann auch tun muss.

Aber was sind nun die Schlüsselüberlegungen, weshalb ich zu diesem Titel komme, der – ich gebe es zu – auch irreführend sein kann. Das Einfachste ist doch immer, einen nüchternen sachlichen Grund zu haben. Bei mir ist es die Frage eines Hafenplatzes für Margna, wenn ich nach Europa zurück kehre. Deshalb hatte ich mich schon bei der Abreise von Sable d’Olonne, inzwischen meiner zweiten Heimat, nach der Möglichkeit eines Hafenplatzes im Port Olona erkundigt. „Pas de chance! Une longue liste d’attente !“ war die Antwort. Ich liess nicht locker, weil Les Sables für mich und mein Schiff ein wunderbarer Heimathafen wäre. Dass es wohl sieben Jahre dauern werde, bis man mir einen Platz für mein Schiff zur Verfügung stellen könne, erschreckte mich damals nicht. Das war ungefähr der geplante Zeithorizont für unser Segelabenteuer. Nun, nach sieben Jahren war ich effektiv auf Platz Nummer 1. Bei einem meiner regelmässigen Aufenthalte in Les Sables erklärte ich die Situation und dass es wohl noch etwas länger dauern könne, bis Margna zurück in Europa sei. Volles Verständnis, auch während den folgenden Jahren. Dann aber spüre ich zunehmenden Druck, entweder zugreifen oder den ersten Platz für ein paar Jahre räumen. Langen Schreibens kurzer Sinn: Ich will den Platz! Damit ist eine nüchterne sachliche Begründung geliefert für eine Rückkehr aber auch, dass das Segeln weiterhin von uns gelebt werden wird, einfach anders. Und so habe ich diesen Sommer in Les Sables zugesagt. Wann? „On verra tout ça“ würde Philippe in einem solchen Fall sagen. Ein Ausspruch, den wir auf der Reise viel hören und auch ein paar Mal nutzen, um einen Entscheid hinaus zu schieben.

Nun aber zu den weniger sachlichen Gründen die mich bewegen, mit Margna „nach Hause“ zurück zu kehren. Ich habe diese im Morgengrauen meiner Wache auf dem Weg nach Montevideo niedergekritzelt:

 

Zehn Jahre Abenteuer, “Freiheit” und Selbstverwirklichung?

Ja, es ist jetzt genau zehn Jahre her, dass wir von Les Sables aufgebrochen sind. Eine lange, wunderbare, ereignisreiche, spannende – einfach eine einmalige Zeit. Ich möchte keinen Moment missen, auch die weniger erfreulicheren nicht. Es gab aber keinen Augenblick, wo ich mich selber fragen musste: Warum tust du dir das eigentlich an?

Abenteuer? Was ist das? In Wikipedia findet man eine Definition:

Als Abenteuer (lat.: advenire: „Ankommen“ und adventus: „Ankunft“[1]; mittelhochdeutsch: aventiure) wird eine risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis bezeichnet, das sich stark vom Alltag unterscheidet. Es geht um das Verlassen des gewohnten Umfeldes und des sozialen Netzwerkes, um etwas Wagnishaltiges zu unternehmen, das interessant, faszinierend oder auch gefährlich zu sein verspricht und bei dem der Ausgang ungewiss ist. In diesem Sinne gelten und galten Expeditionen ins Unbekannte zu allen Zeiten als Abenteuer.

Sicher hat es von all dem etwas dabei, wobei ich den Aspekt „risikoreich“ immer relativiere mit dem Hinweis, dass eine Autofahrt von Bern nach Zürich risikoreicher sei, als eine gut geplante und vorbereitete Atlantiküberquerung. Allerdings muss ich hier ergänzen, dass ich kürzlich von drei mir bekannten Seglern erfahren habe, dass sie in Piraterie ähnliche Situationen verwickelt waren, zwei sogar erst kürzlich in Brasilien. Das gibt mir doch auch etwas zu denken. Verschlechtert sich die Situation auf den Weltmeeren wieder?

Dass sich hingegen meine Lebensweise nach 2008 deutlich vom Alltag vorher unterscheidet ist natürlich richtig und gewollt. Die Selbstverwirklichung empfand ich allerdings auch schon vorher im Beruf, mit der damit verbundenen Verantwortung und weitreichender Selbständigkeit. Bei dem was ich jetzt tue, kommt noch ein wichtiges Element hinzu: Die unmittelbare schonungslose Konsequenz des eigenen Handelns und die alleinige uneingeschränkte Verantwortung dafür – ohne speziellen Bonus, es sei denn ein traumhafter Sonnenuntergang!

Jetzt zur Freiheit. Ich hatte vielfach gelesen, dass die ersten nicht kommerziellen Weltumsegler die uneingeschränkte Freiheit geniessen konnten, so bald sie die Leinen lösten. Keine Bestimmungen, keine einschränkenden Regeln und keine oder stark eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Rest der Welt. Heute sieht das doch ganz anders aus. Das beginnt mit der zu bestehenden Prüfung für den Hochseeschein unter Schweizer Flagge bis zu den Bestimmungen zur See fahrender Schiffe, den Funk- und Satelliten Kommunikationsregeln, ganz zu schweigen von den vielen Bestimmungen, die zu beachten sind, wenn man in Reichweite neuer Ufer gelangt. Diese Rahmenbedingungen haben die Seefahrt zwar viel sicherer gemacht aber auch zum Teil deren Reiz etwas verdorben. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass die zurückgebliebenen Familienmitglieder und Freunde davon ausgehen können, den Globetrotter eines Tags wohl und heil wiederzusehen. Somit gibt es die uneingeschränkte Freiheit auch auf hoher See nicht mehr. – Es stellt sich allerdings die Frage, hat es sie je wirklich gegeben?

Ich habe das was ich als Freiheit bezeichne genossen, nämlich selber zu entscheiden wohin ich den Bug von Margna lenke und wie lange ich an einem Ort bleiben will. Und auf hoher See ist die Freiheit so grenzenlos wie der Horizont oder eben bis dahin, wo etwas auftaucht. Ich empfinde das immer noch als ein überwältigendes Gefühl.

Bei meinem Entscheid, ein solches Leben zu leben, habe ich nie explizit jemanden gefragt, ob ich dies darf. Mein näheres Umfeld hat dem mehr oder weniger explizit zugestimmt. Man liess mich gewähren. Deshalb bin ich meiner Familie und meinem engen Freundeskreis unendlich dankbar, auch dafür, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb es mir so leicht fällt zu sagen: „Das war’s dann“.

Meine Mutter ist inzwischen 94. Ich habe sie während meinen Reisen zwar mehr und intensiver gesehen, als vorher im Berufsleben, aber so viel gemeinsame Zeit bleibt uns wohl nicht mehr erhalten. Ähnliches gilt angepasst für meine Kinder und Grosskinder. Dank den modernen Kommunikationsmitteln konnte ich zwar das rasante Heranwachsen der Enkelkinder miterleben. Sie kommen jetzt in eine interessante Lebensphase, bevor sie dann ganz natürlich ihre eigenen Wege gehen.

Was ich allerdings bei all diesen Überlegungen unterdrück ist die Frage, wie viele Sorgen sie sich manchmal machten und wie stark ich auch vermisst wurde. Ich habe mich das, vor allem in den letzten Jahren, vermehrt gefragt.

Ein Einhandsegler – ein richtiger Abenteurer – hat mir mal seine Rückkehr damit begründet, dass er befürchte, seinen Freundeskreis zu verlieren. Dazu wusste ich aus praktischer Erfahrung meiner früheren beruflichen Auslandaufenthalte, dass dies eine unbegründete Angst ist. Wahre Freundschaften überdauern Distanz und Zeiträume. Man muss sie nur pflegen. Für die Bestätigung dieser Erkenntnis bin ich meinem Freundeskreis unendlich Dankbar.

Aus all diesen Gründen freue ich mich, wieder etwas näher bei meiner Familie, meinem Freundes- und Bekanntenkreis sein zu können und das Aufwachsen der Enkel in dieser wichtigen Zeit intensiver miterleben zu können. Es wird auch leichter möglich sein, Familie und Freunde an der französischen Atlantikküste mal bei mir an Bord verwöhnen zu dürfen, wie sie mich jeweils bei meinen Heimaturlauben verwöhnten!

 

Weltumsegelung – Cap Horn – Segeln im Paradies?

Wenngleich wir die Möglichkeit einer Weltumsegelung nie ganz ausschlossen stand sie nie zuoberst auf der Planungsliste. Dabei ist „Möglichkeit“ das Stichwort. Wir haben nie Möglichkeiten ausgeschlossen, sei es in Afrika oder bei der Atlantiküberquerung. Seit fünf Jahren habe ich diese Denkweise noch vertieft. Die Überquerung des Atlantiks im Juni Richtung Amerika – wird von einschlägigen Törnplanungsunterlagen abgeraten. Die Küste Brasiliens hoch zu segeln mit den vorherrschenden Winden und Strömung – nicht empfohlen. Und trotzdem habe ich beides gemacht als sich die Möglichkeit bot. So wäre auch die Weltumsegelung immer noch möglich oder der Mount Everest der Segler, das Kap Horn. Und von dort in den paradiesischen Pazifik ebenso. Alle Unterlagen sind vorhanden und im Kopf auch schon mehrmals durchgedacht.

Muss das sein? Nein! Es bedeutet aber auch kein verpasster Traum. Der Vorteil, so lange unterwegs zu sein und Seglerfreunde auf deren Homepage verfolgt zu haben, die diese Stationen besegelt haben, bestärkt mich darin, nicht meinen zu müssen, etwas zu verpassen. Und hier kollidiert auch meine Lebensphilosophie mit derjenigen des wahren Weltumseglers. Segeln heisst für mich abschalten, entspannen. Es war ein Fortbewegungsmittel, um im Rhythmus der Natur ein mir selber gestecktes Ziel zu erreichen. Wichtiger als das Segeln war mir immer, an mir unbekannten Orten Neues kennen zu lernen. Lange genug da zu sein, um mich „heimisch“ zu fühlen. Ein Gefühl dafür zu bekommen, was man darf und was man besser vermeiden sollte. In Kulturen einzutauchen, nicht als Tourist sondern als Gast auf Zeit. Für nichts in der Welt würde ich das ändern, nur um die Welt umsegelt zu haben. Diese Reisephilosophie hätte somit zur Konsequenz, dass ich mindestens nochmals sieben bis zehn Jahre unterwegs wäre. Aus heutiger Sicht durchaus eine Möglichkeit (Gesundheit, Zustand von Margna), aber will ich das?

Natürlich bin auch ich nicht vom Ehrgeiz verschont. Klar reizt mich Kap Horn, wenn ich schon mal knapp 1000 Seemeilen davon entfernt bin. Und heute weiss ich auch, dass der Weg dorthin nicht eine Einbahnstrasse in den Pazifik ist. Man könnte es sich also auch einfach ansehen und umkehren. Ein mir bekannter Einhandsegler hier im UYC hat das zwei Mal (!) getan. Also spricht die riesige räumliche Distanz zum Pazifik nicht per se gegen das Kap Horn Abenteuer. Es wäre einfach eine sportliche Herausforderung, den Everest der Segler zu besteigen. Beweisen, dass ich das kann? Ich glaube die Antwort ist klar – aber gereizt hat es mich allemal. Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass ich heute weder mir noch anderen etwas beweisen muss. Ein definitiver Vorteil des reifen Alters, aber auch der Erfahrung durch die bisher zurückgelegten Abschnitte und dies nicht auf der Barfuß-Route .

Aus vorher beschriebenen Überlegungen hatte ich auch schon recht früh den Pazifik gedanklich in Frage gestellt: Zu weit weg. Noch weniger Besuch. Noch längere Heimreisen etc. Zudem habe ich Ferndando do Noronha erlebt und genossen und eine wunderschöne lange Zeit in der Bucht von Ilha Grande/Parati verbracht. Ich glaube behaupten zu dürfen, diese beiden Destinationen brauchen einen Vergleich selbst mit den schönsten Inseln im Pazifik nicht zu scheuen. Aber unzweifelhaft wäre der Pazifik eine attraktive Möglichkeit gewesen, verbunden mit der willkommenen Gelegenheit, meine Verwandten in Australien zu besuchen und im Mekka der Segler, in Neuseeland, viel Zeit zu verbringen. Aber eben … Und dann wäre da noch die Heimreise von Downunder – ja ich wollte immer zurück mit Margna nach Hause. Der Indische Ozean ist ein Meilenstein auf jeder Weltumsegelung. Und seit der Suez Kanal nicht unbedingt besegelt werden sollte, bleibt nur der Weg ums Kap der guten Hoffnung, um wieder in Brasilien zu landen. Ja, ich hätte ein paar Meilen mehr auf dem Tacho, aber auch das war nie ein erklärtes Ziel.

Und schliesslich ist da noch das Seglerbuch mit dem ungefähren Titel: „Wir reparierten uns an den schönsten Orten um die Welt“. Was als lustiger Titel gilt, versteckt die weniger lustige Tatsache. Ja, Margna war neu und ich habe sie über die zehn Jahre so gut unterhalten wie ich es konnte, auch mit viel fremder Hilfe und meist auch an wunderschönen Orten. Grössere Probleme, „touch wood“, hatten wir nicht. Aber allein die Unterhaltsarbeiten an fremden Orten, die Beschaffung von Ersatzteilen (Vieles ist zwar doppelt an Bord, aber dann fehlt doch ein Teil), und der Import der für ein Aluminiumschiff benötigen speziellen Unterwasserfarbe würde ein Buch füllen. Ich habe solche Erfahrungen, auch mit unterschiedlichen Arbeitsauffassungen, jeweils als Kulturerlebnis abgebucht. Aber manchmal ging es auch mir gehörig auf den Wecker. Verpuffte Energie, die man anders, besser hätte nutzen können. Und selbst bei den besten Unterhaltsarbeiten kommt es zu Ereignissen wie der Ausstieg des Autopiloten auf unserem letzten gemeinsamen Schlag nach Rio Grande do Sul. 130 Seemeilen abwechselnd steuern bei Tag und Nacht – gottseidank bei ruhigen Verhältnissen – ist eine eigene Erfahrung.

Und dann lese ich von Weltumseglern, die mehrfach mit viel schlimmeren Ereignissen bei unwirtlicheren Umständen zu kämpfen hatten. Und sie empfehlen jedem nichtdestotrotz, eine Weltumsegelung unbedingt zu beenden – „ Ein unglaubliches Erlebnis!“, wie sie schreiben. Ich widerspreche dieser Aussage in keiner Weise, denn so unterschiedlich sind eben die Wahrnehmungen und persönlichen Empfindungen.

 

Ich hab’s gesehen, gelebt und genossen!

Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Gibt es nicht einen weisen Spruch: „Man soll die Party verlassen, wenn sie am Schönsten ist?“ Lässt sich dieser Ausspruch auch auf das anwenden was ich tue? Ich habe immer noch Spass, am segelnd Unterwegssein und bin immer noch neugierig. Zudem stelle ich fest, dass es mir gut tut. Und wie oben geschrieben, gäbe es noch so viele schöne Destinationen zu entdecken. Gilt das aber nicht auch für die französische Atlantikküste, England, Schottland, Irland und Norwegen? Ganz abgesehen von den vielen traumhaften Inseln, die dazwischen liegen?. Ein spannendes Revier, das wir bei unserer Testfahrt mit Margna nur kurz streiften: „Das können wir später ein Mal wenn wir zurück kommen ausgiebiger besegeln.“ – Und dann, immer wenn ich in der Schweiz bin, entdecke ich wie viele Schönheiten unser Land auf kleinstem Raum anbietet Also?

Im Moment sitze ich auf Margna im Uruguay Yacht Club in Montevideo. Die schon kräftige Frühlingssonne scheint, aber ein steifer Südoster kühlt ziemlich und bewegt Margna in der geschützten Marina als wären wir schon unterwegs. Ich nutze die Zeit jetzt, um wieder mal dringende Unterhaltsarbeiten auszuführen „à la Uruguayana“ das heisst im Rhythmus der lokalen Gepflogenheiten und dem übergeordneten Begriff „mañana”! Das gibt mir andererseits die Gelegenheit, diese mir bereits bekannte Grossstadt ganz bewusst zu erleben. Dass dabei in regelmässigen Abständen ein Stück Rindfleisch auf den Teller kommt, begleitet von einem lokalen Rotwein, gehört einfach dazu. Vor allem natürlich, weil ich auch immer wieder einen persönlichen Augenschein nehme, wie die Aufzucht der Rinder auf der Farm meines Freundes betrieben wird.

Und hier noch ein „PS“: Ich war immer der Meinung, man sollte vorsichtig sein, bekannte Orte, die man geliebt hat, nochmals anzusteuern. Die Gefahr ist gross, enttäuscht zu werden. Diese zweite Reise von Rio nach Montevideo, wie auch der Aufenthalt hier im Yacht Club und in der Stadt erlebe ich viel intensiver und freundschaftlicher, als beim ersten Mal. Wieder mal eine neue Erkenntnis und das nach zehn Jahren!

 

 

 

Kategorie(n): Logbuch

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