Log_29_ April / Mai 2019_ Eine schwere Entscheidung … – nach dem Entscheid: “ Das war’s dann“!

Es ist anfangs 2019. Ich bin in der Schweiz und arbeite an der konkreten Umsetzung der Konsequenzen meines Entscheides: „Das war’s dann“ (siehe_Log 28_Juni 201Smilie: 8), welcher  konkrete Auswirkungen im Mai/Juni 2019 haben wird. Dabei fällt mir einmal mehr auf, wie leicht und relativ locker ich doch Ereignisse hinnehme, die erst in einem Jahr Auswirkungen haben werden. Ich erinnere mich an einen der ersten weitreichenden Entscheide dieser Art im Jahre 2009. Damals mussten wir beschliessen, ob wir sofort den Atlantik überqueren oder erst im darauf folgenden Jahr – ein ganzes Jahr später! Ich weiss noch, wie unsäglich schwer es uns gefallen ist. Inzwischen habe ich mich an Beschlüsse, die einen so langfristigen Zeithorizont haben gewöhnt.  Das frühere kurzfristige Quartals-Denken im Beruf habe ich schon längst in einer sicheren Hirnregion versenkt.

Wie sah der Zeitrahmen für dieses Projekt – Margna zurück nach Europa – konkret aus?

April / Mai 2018:

Segelreise von Rio nach Montevideo mit meiner Crew Gisela und Philippe. Es ist klar, dass ich nicht weiter nach Süden und dann nach Westen segeln werde. Und wenn es mich noch so reizt, nochmals zurück nach Rio zu segeln, ohne weiteres konkretes weiteres Ziel, ist das für mich auch keine Option mehr. Die Zeit ist jetzt gekommen, mit „Margna“ die französische Atlantikküste zu entdecken.

Das bedeutet: Erarbeiten von Alternativen für die Rückreise und dann konkrete Abklärungen treffen.

Sommer 2018 – Planung

Möglichkeit 1:

Segeln von Montevideo direkt nach Frankreich – also non stop, d.h. ohne Zwischenstopp an den schönsten Plätzen, ähnlich wie die Vendée Globler, allerdings mit fremder Hilfe: Eine Crew mit einem, allenfalls zwei erfahrenen Hochseeseglern, die ich gut genug kenne und denen ich vertraue. Diese Möglichkeit ist eine klare Abweichung meiner verinnerlichten Segler-Philosophie.

Zeitaufwand: Ganze zwei Monate non stop, also realistischer Weise mindestens drei, da vermutlich Zwischenstopps unvermeidlich notwendig werden: zB. Montevideo- Jacaré – Kapverden – Azoren – Les Sables.

1.1. Möglichkeit: Via Karibik und die klassische Route über die Azoren in die Biskaya.

Möglichkeit 2:

Ich lasse Margna von einem professionellen Skipper mit Crew zurücksegeln. In Montevideo kenne ich gleich zwei erfahrene und vertrauenswürdige Skipper. Denen würde ich mein Boot anvertrauen.

Zeitaufwand ebenfalls 2-3 Monate über die obigen Routen.

Möglichkeit 3:

Transport per Frachtschiff

3.1. von Montevideo direkt nach Hamburg

3.2. aus der Karibik auf der klassischen Route ins Mittelmeer.

Ich bin inzwischen bekannt, dass ich gerne in Varianten denke und mir vorbehalte, je nach Entwicklung einen auch anderen Weg einzuschlagen. Über die letzten zehn Jahre bin ich damit sehr gut gefahren – vermutlich auch schon vorher.

Oktober / November 2018:

Bei meinem Aufenthalt in Montevideo befasse ich mich mit den verschiedenen Möglichkeiten, treffe Abklärungen und wäge Pro und Contra gegeneinander ab. Besonders wichtig ist für mich das Gespräch mit Bernie und Pololo vom YCU. Beide sind ausgewiesene Hochseesegler / Skipper. Beide können und wollen mich, bei welcher Variante auch immer, tatkräftig unterstützen.

Bezüglich der Kosten stelle ich relativ schnell fest, dass, welche Variante ich auch immer wähle, die Aufwendungen – ehrlich berechnet! – in etwa gleich sind. (Bei meinem Besuch der Boot in Düsseldorf im Januar 19 muss ich zu meinem grossen Erstaunen feststellen, dass die Kosten eines Transportes inkl. Versicherung und Spesen, auf der klassischen Route: Karibik – Mittelmeer, um einiges höher wären. Der Vorteil,  dass der Seetransport mit stehendem Gut ausgeführt werden kann, wird damit zunichte gemacht, dass der Mast doch gelegt werden müsste, wenn ich die direkte Route durch den Canal du Midi bis nach Bordeaux nehmen wollte; sonst würde es bedeuten um Gibraltar rum und die Spanisch/Portuguisische Küste hoch.

Somit bleiben als hauptsächlichste Unterscheidungsmerkmale:

  • die aufzuwendende Zeit
  • der persönliche Aufwand
  • Risiko / Nutzen

Ich treffe Abklärungen mit drei Frachtschifflinien:

  • Grimaldi Lines. Die Schiffe legen regelmässig im Hafen von Montevideo an und transportieren unter anderem Camper für europäischen Südamerikareisende
  • Hamburg Süd.  Sah ich jeweils eindrücklich in Itajai einfahren. Diesen Hafen könnte ich leicht und gerne für einen Transport nach Hamburg ansteuern.
  • MSC Hamburg. Den Containerschiffen bin ich auf vielen Routen begegnet. Zudem hat MSC auch eine Kreuzfahrtflotte. Sie kennen also den Passagiertransport.

Ich treffe mich mit dem lokalen Agenten von Grimaldi in Montevideo zu einem ersten Abklärungsgespräch. In der Schweiz suche ich dann den Schweizer Vertreter auf. Ich entscheide mich für diesen, werden aber in der Folge auch tatkräftig vom Agenten in Montevideo unterstützt. Eine exzellente Kombination.

Pro und Contra der verschiedenen Möglichkeiten:

A)

+ Tolles Abenteuer. Zwei Monate non-stop unterwegs – mindestens! Das reizt mich, vor allem weil es bisher nicht meiner Philosophie entsprach.

+ Tolle Erfahrung mit einem oder zwei ausgewiesenen Hochseeseglern unterwegs zu sein und nochmals viel zu lernen.

– Mindestens zwei, vermutlich eher drei Monate unterwegs sein mit Zeitdruck.

– Belastung (lies auch: Risiko) für Schiff und Mannschaft.

B)

Schliesse ich ziemlich schnell aus und konzentriere mich auf  selber segeln oder Transport. Dies obwohl ich sowohl in Bernie als auch Pololo vollstes Vertrauen habe. Dies wäre eine Variante, die nur für einen Notfall (Zeitdruck) für mich in Frage käme.

C)

+ Nur ein Monat unterwegs oder besser: Nur ein Monat abwesend von der Schweiz. Dies hat Bedeutung, weil der Gesundheitszustand meiner 95jährigen Mutter zu dem Zeitpunkt nicht unproblematisch ist. Es geht ihr inzwischen wieder sehr gut.

+ Mitreisemöglichkeit auf einem Frachter. Ein Wunsch von mir, um mal Eindrücke von der Brücke eines solchen Kolosses zu erhalten.

+ Ein Abenteuer und eine Herausforderung der ganz anderen Art.

– Ebenso arbeitsaufwändig wie Variante A – einfach anders

– Via Karibik ins Mittelmeer ist eindeutig zu umständlich

– Kosten? (Zeigt sich bei ehrlicher Kalkulation = absolut vergleichbar)

Konklusion:

Aufgrund des unsicheren Zustandes meiner Mutter und des eingeschränkten Zeithorizonts, auch beeinflusst durch die Hurrikan Saison, entschliesse ich mich schliesslich schweren Herzens für Variante C = Frachttransport. Dabei reizt mich die Mitfahrgelegenheit, die Grimaldi standardmässig, aber mit einem beachtlichen Aufpreis, anbietet.

Leider erleidet diese Schifffahrtslinie in kurzen Abständen einen Totalverlust und einen Brand auf einem ihrer Schiffe (Golf von Biskaya), worauf sie überraschend die Mitnahme von Passagieren aussetzen. Ich bin enttäuscht.

Umsetzung:

Nach dem Besuch der Boot in Düsseldorf im Januar mit den entsprechenden Abklärungen fühle ich mich in meinem Entscheid: Transport mit Grimaldi Shipping bestärkt.

Transport von Montevideo nach Antwerpen oder Hamburg. Ich tendiere aus sentimentalen Gründen für Hamburg. Die Empfehlung des Agenten in der Schweiz, Antwerpen für dieses Vorhaben zu wählen, hat sich als absolut richtig erwiesen. (Seine Begründung: Die Abwicklung im Hafen und mit den Behörden sei dort unkomplizierter. Stimmt!)

Konkret:

  • Anfangs April 19 reise ich mit meinem Freund Muni nach Südamerika. Er hat sich bereit erklärt, mir unter die Arme zu greifen. Zuerst verbringen wir ein paar Tage auf der Farm und machen uns dann an die Arbeit:

Munis Ankunft am Steg des UYC und „kritische“ Beurteilung der Einstiegsmöglichkeiten
  • Bau eines „Craidel“ für Margna. Bernie findet auf dem Abstellplatz des YCU ein Unding von Metallstütze. Ich überzeuge ihn, dass es ein einfaches Holzgestell tut. Er beschafft Holz und macht sich an die Arbeit, während wir Margna vorbereiten für:
Die einfache Holzkonstruktion „Craidel“ für Margna. Dank dem Umstand, dass sie keinen festen Kiel hat, war dies eine relativ leichte Aufgabe.
Professionell verpackter Mast mit den Fock-und Genuarollvorrichtungen
  • Entmasten und transportmässig Einpacken. Letzteres macht Bernie professionell. Wer aber setzt das alles wieder zusammen? Was passt wohin? – Zumindest was die Elektrik und Elektronik angeht weiss ich, dass Muni die richtigen Drähte wieder zusammen führt.
    Meine Aufgabe ist mehrheitlich: „Gib, heb, reck, zünd …“ und dann schlage ich mich mit der Administration herum und versuche mit dem lokalen Agenten zu koordinieren.

  • Dann muss Margna ausgewassert und das Unterwasserschiff gereinigt werden. Eigentlich will ich noch das umständlich und teuer, selber importierte (!), Trilux 33 anbringen – keine Zeit mehr! Erst müssen nämlich noch sämtliche brennbaren Flüssigkeiten von Bord – u.a. etwa 350 Liter Diesel, Ausserborder Benzin, Lösungsmittel (auch Nagellackentferner!), grössere Anzahl grosser und kleiner Gasflaschen und was sich sonst so noch an Bord befindet. Nachdem ich erfahren habe, dass in Belgien, also da wo Margna anlandet, Trilux33 verboten ist, versuche ich auch diese los zu werden. Den Diesel verkaufe ich an die lokalen Fischer mit einem stattlichen Einschlag und die Farbe …? Die finde ich dann beim Auf- und Einräumen in Europa; Bernie hatte sie wohl in letzter Verzweiflung sicher verstaut. – Dabei hinterfrage ich: Alles brennbare (bis auf 10% des Dieseltankinhalts, damit überhaupt manövriert werden kann) von Bord – und die Batteriebank mit über 700 Ah Power?? Die kann bleiben.
  • Gemäss Anweisungen des Transporteurs muss das Boot praktisch leer sein, respektive einen leeren Eindruck machen. Das heisst, alles verstauen – alles! Lediglich die Besuchskabine ist mit viel Gerät und Bestandteilen des Masts übervoll. Das Beiboot wird an Deck verzurrt und gesichert.
  • Der Countdown läuft:
    – Margna hängt am Kran
    – der Craidel wird angepasst – top Arbeit von Bernie
    – Ich muss mit Zoll und Hafenbehörde verhandeln; Bernie ist eine grosse Hilfe mit seiner Bekannten beim Zoll.
    – Dann kommt der Tieflader – rückwärts durch den engen Bootyard bis zum antiken Kran; die hintersten zwei Räder hängen über den Rand. Massarbeit!
    – Die Abfahrt des Tiefladers ist auf 0600h fixiert. Der Chauffeur schläft in der Kabine. Ich bin um 05:45h bei ihm mit den nötigen Papieren (last minute!) und wir trinken Tee. Dann verlassen wir das Gelände und warten – warten – warten auf die Polizei. Der erste Motorradfahrer trifft um 06:15 ein und jede viertel Stunden später der nächste. Um 06:45 können wir los. Dann aber geht es mit Speed über die vierspurige Küstenstrasse. Die Rotlichter können überfahren werden. Die motorisierte Polizei macht ganze Arbeit im aufkommenden Pendlerverkehr. Kurze Zeit später sind wir – … nicht da wo ich eigentlich meinte hin zu kommen, sondern weit draussen vor Tor Nummer X und warten … warten, dass das Tor irgendwann geöffnet wird. Der Chauffeur macht es sich gemütlich. Ich aber muss zurück. Es sind noch unzählige administrative Arbeiten zu erledigen und um 11 Uhr ist Treffpunkt beim Agenten. Stress pur bis ich ein Taxi ergattere in dieser Gegend und zurück in der Marina bin.
    Um pünktlich 11Uhr sind wir beim Agenten und … warten! Dann fahren wir aufs Hafengelände und … warten! Anschliessend geht es wieder zügig. Margna wird mitsamt dem Craidel auf den Mafi-Trailer umgeladen und festgezurrt. Da bleibt sie über’s Wochenende. Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass sie da auf dem weitläufigen Hafengelände steht, werde aber dann vom Agenten beruhigt. Es besteht eine 24h Wächterdienst. Na denn!
    An diesem Wochenende fliegt Muni zurück in die Schweiz. Ich hatte meinen Flug via Rio wohlweislich bereits auf den 4.5. verschoben. Ein RoRo Schiff kann auch mal kurzfristig umdisponieren. Kompliziert wird noch, dass am Mittwoch 1. Mai das Leben in Uruguay still steht – komplett. Der Verladetermin wird auf den 3.5. fixiert; ich werde nervös.
    Den 1. Mai feiere ich mit neugewonnen Freunden aus dem Restaurant Veronica bei einem typischen Grill-Fest mit zwanzig männlichen Gästen – Fleisch vom Grill! Was für ein toller Abschied von einem wunderbaren Ort mit wunderbaren Menschen!
  •  Am 3. Mai ist Verladetermin – es klappt! Ein letztes Mittagessen bei Veronica. Dann sind wir am Terminal und … warten. Der einzige Trost: Es ist Freitag und alle Beteiligten wollen ins Wochenende – und ich am Samstagmorgen früh auf den Flieger.
    Wir warten. Der Agent hat Margna durchgecheckt und Fotos von allem geschossen. Dank des guten Rufes der Schweizer als buchstabengetreue Befolger von Reglementen ist die Abfertigung reine Formsache
    Dann kommt plötzlich Bewegung in die Sache: Polizei und schwerbewaffnetes Militär kreuzen auf. Ich beobachte interessiert das Vorgehen ohne zu verstehen. Der Agent klärt mich auf: Ein Chinese hat vor einem Monat zwei Container mit Reis mit dem gleichen Schiff transportieren lassen. Am Ankunftsort stellte sich heraus, dass nicht nur Reis im Container war! Jetzt befindet sich wieder ein Container zusammen mit einem Luxus-Mercedes des gleichen Besitzers an Bord. Nach einer gewissen Zeit legt sich die Aufregung und Margna wird in den Bauch des Schiffes versorgt.
    Ich verabschiede mich und verbringe eine letzte kurze Nacht im YCU. Am Morgen fliege ich nach Rio und zwei Tage später nach Frankfurt.

Während meines Aufenthaltes in der Schweiz verfolge ich interessiert die Route der „Grande Amburgo“. Sie nimmt ungefähr die gleiche Route wie ich nach Montevideo gereist bin. Gern wäre ich mit dabei an Bord.

Ich brauche allerdings die Zeit, um mich mit den Gegebenheiten in Antwerpen vertraut zu machen. Nicht alles ist klar aber ich vertraue auf den Agenten in der Schweiz und seinen Kollegen in Antwerpen.

Mein Freund Muni wird mich wieder begleiten, respektive ich begleite ihn in seinem VW-Campingbus. Eine spannende Reise. In Antwerpen habe ich mit der Marina „Linkeroever“ einen guten Platz gefunden. Ein Kran zum Einwassern/Mast stellen ist vorhanden. Auch stünden Spezialisten für diese Arbeiten zur Verfügung. Ich habe einen sehr guten Eindruck. Dazu liegt ein Campingplatz in Fussmarschdistanz. Die ganze Anlage liegt allerdings in einem Naturschutzgebiet und Muni’s VW Bus erfüllt die Abgasnormen nicht, also muss eine Tageskarte über EUR 35.- gelöst werden. Für sein Modell gibt es diese Ausnahmekarten nur für sieben Tage im Jahr. Und für den Rest des Jahres? – Wir sind erstaunt, liegt doch dieses Gebiet praktisch direkt angrenzend an den riesigen kommerziellen Hafen von Antwerpen, wo dicke Pötte – mit Rohöl betrieben und ohne Filter!!! – ein und auslaufen. Na ja, diese haben ja auch speziell giftige Unterwasserfarbe. Trilux 33 darf aber nicht aufgetragen werden. Verstehe das wer will. Sonst aber gefällt uns Antwerpen ausnehmend gut. Wir geniessen die wenigen freien Tage über Pfingsten und machen uns mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut. Sieht alles gut aus, nur dass in die Marina lediglich eine Stunde vor, bis eine Stunde nach Hochwasser eingefahren werden kann. Dass auch die kommerzielle Hafenbecken mit Schleusen ausgerüstet sind erfahren wir erst später. Dann nämlich als wir vom lokalen Agenten mitgeteilt erhalten, dass Margna direkt nach dem Ausladen ins Hafenbecken gekrant wird. Also kein umständlicher und kostspieliger Lastwagentransport. (In Montevideo wäre ein Einfahren in den kommerziellen Hafen –  auf dem Wasser – ebenfalls leicht möglich gewesen, aber die Gewerkschaften blockierten dies.)

Die Schleuse zur Marina „Linkeroever“. Sie öffnet eine Stunde vor bis 1 Stunde nach Hochwasser.

Vorsorglich haben wir zusätzlich 40 l Diesel in Kanistern bei uns. So genau weiss ich nämlich nicht, was noch in den Tanks geblieben ist. Jetzt stellt sich die Frage, wie wir die zwei Schleusen rechtzeitig überwinden können. Auch beeindruckt mich der Gedanke, mit der kleinen Margna in der riesigen Hafenanlage mit den dicken Pötten herum zu manövrieren. Bin ich froh habe ich mit Muni eine fähige, ruhige und zuverlässige Deckshand. Es wird schon gut gehen.

Dann ist es so weit! Am 29. Mai soll Margna wieder ins Wasser. Wir sollten um 08:00 abgeholt werden. Wenn alles richtig „getimed“ ist gelingt es uns, die Hafenanlage zu verlassen und nach gut einer Stunde Fahrt bei noch auflaufendem Wasser /Brack die Einfahrt in die Marina zu schaffen. Wenn und sollte … Wir erhalten den Anruf unseres Agenten der im Vorauffahrts-Stau steckt. Damit sind alle Tideberechnungen Makulatur. Aber wo anlegen während gut 24 Stunden in einer Grossstadt. Kein Problem, sagt der Hafenmeister der Marina: Am Steg des Polizeibootes. Da ist immer ein Platz frei. Alles geritzt.

Wir sind also zu spät am Hafentor … und warten. Dann warten wir im Büro des Transporteurs und unterzeichnen unzählige Papiere (Bill of Lading etc.) Wie weiss ich, dass die Ladung ganz und unbeschädigt angekommen ist? Gute Frage – bitte unterschreiben! Dann fahren wir zur Anlegestelle der „Grande Ambourgo“. Margna steht schon draussen.  Der erste Augenschein von aussen ist gut und eine kurze Inspektion drinnen ebenfalls. Alles i.O.! Keine Selbstverständlichkeit.

Da steht sie schon am Kai – ausgeladen. Besichtigung aussen und innen. Alles i.O. Dann füllen wir noch rasch 40 l Diesel nach.

Ich habe kaum Zeit vom Schiff zu steigen, wird dieses schon angehoben und über die Kaimauer ins Wasser gekrant. Ich will die Dichtigkeit prüfen und den Motor warm laufen lassen bevor die Gurten gelöst werden. Man hat Verständnis aber „Zeit ist Geld“! Allein der Abstieg ins Boot ist ein Abenteuer. Aber alles klappt. Der verlässliche Volvo springt ohne zu zögern an. Alles ist dicht. Nun soll ich die Hafenbehörden per Funk aufrufen und die Schleusengenehmigung einholen. Ich greife zum Funkgerät. Halt! Der Mast liegt – keine Antenne! Gut habe ich ein Handfunkgerät. Keine Antwort auf meine wiederholten Aufrufe. Muss defekt sein. Ich habe ein ungebrauchtes in der Notausrüstung inklusive neuen Batterien. Auch da erhalte ich keine Antwort. (Später stellt sich heraus, dass beide Geräte einen kleinen Korrosions-Defekt aufweisen. Eine Schwachstelle, die anscheinend allseits bekannt ist. Mir ist allerdings schleierhaft wie dies beim Funkgerät, welches in der luftdichten Not Box untergebracht war, ebenfalls vorkommen konnte – und alles gleichzeitig!)

Kaum abgestiegen hängt sie schon über der Kai-Mauer.
Wieder im Wasser. Im weitläufigen Hafenareal von Antwerpen. Wo ist der Ausgang?

Wir behelfen uns mit dem Mobiltelefon. Problemlos erhalten wir Anweisungen wie wir uns nach zwei Grossen einreihen sollen.

(Einschub: Ich nehme das mehr gebrauchte Handfunkgerät in die Schweiz zum Spezialisten. Nach vier Wochen – der Spezialist war zwei Wochen in den Ferien – wird mir ein günstiges Ersatzgerät angeboten. Ich lehne ab und nehme das defekte Gerät mit nach Antwerpen. Per Zufall entdecke ich einen konzessionierten ICOM Vertreter. Nach knapp vier Stunden erhalte ich einen Anruf. Fehler gefunden ich kann das Gerät abholen. Da erfahre ich auch von der Schwachstelle und dass das alle Geräte betreffen kann. Es ist zwar unerklärlich für ein wasserdichtes Gerät. – Also bringe ich auch das zweite ungebrauchte Reservegerät aus der Not Box. Auch da derselbe Fehler. Die Kosten? Unbedeutend. Ich bin über den Spezialisten LIXNET in Burgdorf masslos enttäuscht. Die wollten mir einfach ein neues Gerät andrehen.)

Dann fahren wir in das grosse Schleusenbecken ein. Vor uns zwei und hinter uns ein „Biggie“. Wir kommen uns klein vor. Die Strömung und die Wellen halten sich allerdings in erträglichen Grenzen. Wir warten bis alle weg sind und laufen dann aus in die Schelde. Wir können uns Zeit lassen. Das Einfahren in die Marina ist für die nächsten zwölf, respektive vierundzwanzig Stunden nicht möglich. Wir müssen also irgendwo festmachen und übernachten, ausser wir wollten mitten in der Nacht in die Marina einlaufen. Das ist keine wirkliche Option.

Wir dürfen einen sicheren Platz wählen und bleiben, bis alle wieder draussen sind. Eile ist nicht angesagt. Wir haben das ideale Zeitfenster verpasst.

Beim Anlegesteg des Polizeibootes ist effektiv ein Platz frei. Wir fädeln uns ein und befestigen Margna bei nun schon stark ablaufendem Wasser, sprich Strömung. „Da können sie nicht bleiben!“ werden wir angegangen. Jeder Hinweis auf die Aussagen der Marinaverantwortlichen bleibt Effekt. Also machen wir einen Abgang oder eben Ablegemanöver, das unter dem Druck der Beobachter und der nun kräftigen Strömung bei beengten Platzverhältnissen ganz schön in die Hose geht. Zurück bleibt ein verbogener Heckkorb, aber wenigsten ist Muni an Bord. Den hätte ich sonst zurücklassen müssen. So suchen wir uns ein anderes Plätzchen. Beim Anlegesteg des Fährbootes zur Altstadt ist uferseitig genug Platz. Dank Margnas geringem Tiefgang können wir es wagen, selbst wenn sie aufsitzen würde. Der Vorteil: Der Anlegesteg lieg genau auf der Höhe des Campingplatzes und nicht weit von der Marina entfernt. Alles gut! Wir genehmigen uns einen kräftigen Anlegertrunk und im nahegelegenen Fischrestaurant ein leckeres Nachtessen. – Am anderen Tag verlegen wir in die Marina.

Schliesslich am Anlegponton der Shuttle Fähre nach Antwerpen. Eigentlich kein offizieller Anleger – aber wir stören niemanden und erhalten dann noch Besuch eines Motorbootes.
Friedlich und wunderschön!

Einwassern müssen wir jetzt nicht mehr. Um den Mast zu stellen steht geeignete Gerätschaft zur Verfügung und wir erhalten Unterstützung von Bernie – ja aus Uruguay! Er hat Familie in Spanien und eine Regatta im Mittelmeer. So liess sich das gut kombinieren. Er kommt für drei Tage. Das erleichtert die Sache enorm. Er war es ja auch, der alles verpackt hat. Wir holen ihn am Flughafen Bruxelles ab und nach einem feinen belgischen Nachtessen: Grosses Stück Fleisch und Fritten, nehmen wir am anderen Tag das Projekt an die Hand. Wir kommen flott und ohne Probleme voran und sind nach zwei Tagen fertig. Meine Aufgabe war ähnlich wie in Montevideo, nur dass ich noch durch die ganze Stadt radle, um dies und das zu beschaffen. (Wir ersetzen z.B. die beiden Antennen im Masttop.)So lerne ich die Stadt und ihre Infrastruktur recht gut kennen und das Rigg ist durch einen Spezialisten überholt und auszuwechselnde Teile sind ersetzt.

Ich bin froh, dass auch Bernie dabei ist. Die Marina verfügt aber ebenfalls über ein vertrauenswürdiges Know-how.

Bernie reist ab und ich erhalte zwei Mal Besuch. Der erste Besuch ist von der belgischen Marine. Ein genauster Check über die Ausrüstung des Bootes und die Papiere. Ich bin überrascht über die Detailgenauigkeit und wir finden auch ein paar Unzulänglichkeiten zu meiner grossen Überraschung. Es kann aber alles leicht korrigiert werden. Diese Kontrolle war hilfreich, professionell und höflich.

Der zweite Besuch war eine Familie aus Buch, die per Zufall von meinem Aufenthalt in Antwerpen erfuhr und spontan einen Besuch abstattet. Willkommen in Europa!

Zusammen mit Muni fahre ich mit dem Campingbus zurück in die Schweiz. Wir besuchen noch eine Gedenkstätte des zweiten Weltkrieges nahe Luxemburg. Im Hotel in welchem wir übernachten sitzt am Nebentisch ein amerikanischer Kriegsveteran der 101 Airborne, der den Feierlichkeiten zum 75igsten Jubiläum des Kriegsendes  beigewohnt hat. Lebendige Geschichte!

Eine zufällige Bekanntschaft mit einem Ueberlebenden der 101 Airborne Truppe, die als erstes in der Normandie vor 75

Ein paar Wochen später reise ich wieder nach Antwerpen und bereite Margna vor für die spannende und trickreiche Reise von Antwerpen durch den Ärmelkanal, um die Ile d’Quessant in die Biskaya bis nach Les Sables. Dort wartet Margna’s Hafenplatz ab Juli.

Wenn ich heute in der Corona-Zeit 2020 zurück blicke, so hätte die Zeitplanung nicht perfekter sein können. Margna liegt seit Juli 2019 sicher vertäut an ihrem sicheren und ideal gelegenen Hafenplatz. Bereits hatte ich verschiedene Besuche an Bord mit Ausflügen in die nähere Umgebung.

Hätte ich hingegen im April/Mai 2018 nicht den folgenschweren Entscheid gefällt und ein Jahr später konsequent umgesetzt, wäre ich wohl weiter südlich gesegelt und befände mich nun irgendwo zwischen Ushuaia und den Pazifikinseln in erzwungener Quarantäne. Manchmal hat man einfach Glück – oder doch den richtigen Riecher?

Kategorie(n): Logbuch

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